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An der Grenze Sythias

Die heiße Mittagssonne Sythias warf ein vielfarbiges Lichtgitter durch die Bleiglasfenster und auf die kleinen Haufen von Münzen und Wertpapieren die sich wohlgeordnet vor Don Miguel Álvarez stapelten. Er blickte kurz verärgert vom Studium eines Angebotes auf und rieb sich die schmerzenden Augen. Draußen klatschte etwas scharf. Irgendwann müsste er die bunten kleinen Scheiben gegen farblose tauschen müssen, diese erschwerten das lesen zu sehr. Wie sollte er in den heißen Stunden des Tages in seinem Büro etwas Sinnhaftes tun, wenn er kaum in der Lage war ein Blatt Papier zu lesen? Er hatte versucht zu rechnen, aber die Temperaturen waren hier im Nord-Westen des Landes in den Mittagsstunden einfach zu hoch, um klare Gedanken zu fassen. Blieb nur das schreiben, aber wenn innerhalb eines Absatzes die Farbe des Lichtes mehrfach wechselte kam er auch damit nicht recht voran. Ein Paravent könnte Abhilfe schaffen. Er hatte mehrfach versucht den Schreibtisch umzustellen, seit er seine Geschäfte direkt von dem abgelegenen Anwesen aus erledigte, aber das Licht blieb überall im Raum unerträglich. Es drangen laute Stimmen von draußen herein, ein Karren wurde angespannt. Es erklang Rufen das keinen Wiederspruch duldete, Knarren und Klatschen. Miguel wendete sich kurz zu der Scheibe in seinem Rücken um. Es wurde eine ritterliche Szenerie auf ihr dargeboten. Ein Held auf einem weißen Pferd, Soldaten, eine holde Dame und niedergetrampelte Feinde waren darauf abgebildet. Miguel dachte an den ehemaligen Besitzer der Finca, streng genommen auch den ehemaligen Besitzer seines Titels. Er hatte dem verarmten Ritter das Landgut abgekauft und sich als Dreingabe von ihm adoptieren lassen. Miguel und seine Eltern hatten bei einem guten Essen, als der alte Don ihm anbot ihn Vater zu nennen zu dürfen herzlich darüber gelacht. Der Mann hatte sich in der Folge einer jener freien Kompanien angeschlossen, um die Ausbildung seiner Kinder finanzieren zu können. Der bezahlte Preis für den letzten Rest seines Erbes dürfte, so schätzte Miguel, gerade gereicht haben, um seine Schulden zu bezahlen. Ob der alte Don sich selbst als der Ritter im Bleiglas verstanden hatte?

Weiterer Lärm von draußen riss Miguel aus seinen Tagträumen und brachte ihn zurück zu dringlicherem- ein Klirren, ein Klatschen, eine Stimme. Nur eine Stimme erklang nicht viele, was nur bedeuten konnte das konzentrierte Arbeit getan wurde, nicht das Don Álvarez dies aktiv wahrgenommen hätte. Bis vor kurzem wäre diese, so denn kurz vor dem Aufbruch oder nach der Ankunft einer Lieferung die seines Capitán, eines breit gebauten Akloners namens Wernher, gewesen. Die Männer und Frauen von Don Álvarez waren keine Soldaten. Sie waren Trägerinnen und Kutscher, Eselsführer und landeskundige Führerinnnen. Sie brachten, geschützt von Mietlingen, hochwertig gefertigte Waren nach Westen. Sie durchquerten selbst in diesen Zeiten die Wilden Lande, um mit Sternthal, Raikal, Haralin und Aklon Handel zu treiben. Die Gefahren waren hoch, aber der Profit angemessen.

Als Wernher am Morgen vor ihm gestanden hatte wusste jener bereits, dass dessen Zeit als Capitán des Don Álvarez so oder so vorbei war. Überfälle kamen vor, die Räuber, zumeist Stämme in den Wilden Landen, töteten selten. Er hatte Leute in seinen Diensten die nicht weniger als sechsmal in Drei Jahren überfallen wurde. Wenn es einen Überfall gab, dann meist solche ohne Risiko, interessanter Weise für beide Seiten. Die Räuber kommen in so großer Übermacht, dass eine Verteidigung sinnlos ist oder sie kommen gar nicht. Es ließ sich gut errechnen wie viele Karawanen bei welchem erwarteten Gewinn und mit wie viel Schutz entsandt werden mussten, um Gewinn abzuwerfen. Etwas zerbrach draußen, ein Wiehern, ein Klatschen, Wind in den Büschen.

Wernher wusste, dass eine ehrlich verlorene Ladung keine Schande war. Aber er hatte eine Ladung nicht ehrlich verloren, sondern unnötig zurück gelassen.

Erst drei Tage zuvor war der Trek aufgebrochen. Vier Gespanne, zehn Lasttiere, zehn Arbeiter und zehn berittene Bewaffnete waren nach Gavral aufgebrochen, einem kleinen Ort, wo die Vorräte noch einmal frisch ergänzt wurden, bevor die Reise wirklich begann. Der erste Abschnitt der Gesamtreise sollte nur zwei Tage dauern, am Abend würden die Männer und Frauen im Letzten Hafen, einem Gasthof, einkehren und auf Kosten Don Miguels feiern dürfen und dann sollte es weitergehen. Aber Wernher hatte diesmal niemanden einkehren lassen. Oder besser gesagt er behauptete es. Er behauptete auch nicht allein losgeritten zu sein aber seine Begleiter auf dem Gewaltritt zurückgelassen zu haben. Außerdem behauptete er die Münzen und Papiere, die ihm anvertraut worden waren verloren zu haben. Und zuletzt hatte er den Wächtern gegenüber, die ihn fast drei Meilen südlich des Anwesens im früh morgendlichen Galopp aufgegriffen hatten behauptet, dass er eh zur Finca wollte und sie in der Dunkelheit nur verpasst hätte.

Erneuter Lärm draußen erklang, raues Knarren, feuchtes Klatschen, das Blöken eines Lasttieres. Don Miguel hielt sich für einen geduldigen Mann, also hatte er sich die ganze Geschichte des Flüchtigen angehört als jener im ersten Licht vor ihn geführt wurde. Der Trek sei planmäßig durchgekommen, aber das Dorf sei weg gewesen. Also nicht verschwunden, aber leer. Und es könne noch nicht lange leer gewesen sein, da die Speisen in den Häusern noch nicht vollkommen verdorben waren. Man habe wenige Kampfspuren entdeckt, aber Betten die wirkten als ob eben noch jemand darin gelegen hatte. Das Ganze sei surreal, unheimlich gewesen, eine gespenstische Szenerie. Er habe die Leute sogar davon abgehalten sofort kehrt zu machen. Dann sei ihnen aufgefallen, dass auch die Tiere fehlen würden. Außer Ratten und Ungeziefer, dass sich nun zu tummeln begann sei kein Haustier im Dorf verblieben. Er habe die Arbeiter geschickt um verbliebene Nahrungsmittel zu sammeln und die Bewaffneten um die Gegend abzusuchen, sagte Wernher. Denn was auch immer die Bevölkerung vertrieben hatte könnte ja noch in der Nähe sein. Dann hätte eine Frau etwas entdeckt und bevor er es sich allein in Ruhe beschauen konnte waren bereits zu viele zusammengekommen, um es noch zu verheimlichen. Mitten auf einem der bestellten Felder war eine vertrocknete Lache alter dunkler Flüssigkeit, eine tiefe Lache. Es hätte alles Mögliche sein können aber schnell glaubten die Leute, dass es Blut gewesen sei, dass hier in Strömen vergossen worden war. Es sei aus mit der verbliebenen Ruhe gewesen, als Kleidung gefunden wurde. Auf jener waren Blutflecken nicht zu leugnen gewesen. Und es war nicht ein Kleidungsstück, es war die Schlafgarderobe mehrerer hundert Menschen. Bevor die Leute in Panik auseinandergestoben wären hatte Wernher sich entschlossen selbst das Kommando zu einem geordneten Kehrt zu geben. Und er hatte sich entschlossen den Kehrt ohne die langsamen Karren zu machen. Eine stärker Bewaffnete Gruppe könnte die Waren und die Karren wieder abholen, denn was immer in dem Dorf umgegangen war, es hatte sich nicht um die wenigen Wertsachen geschert die es zu holen gegeben hätte. Er selbst und zwei der Mietlinge hätten sich von den anderen abgesetzt nachdem alles für den Nachtmarsch geordnet war um die Nachricht schnell zu überbringen. Und jene Mietlinge, seine Zeugen hätte er in der Dunkelheit verloren. Diese Fantasterei hatte er gesetzt Don Miguel ins Gesicht gelogen. Letzterer horchte kurz auf, aber außer geschäftiger Unruhe und dem regelmäßigen Klatschen war von draußen nichts zu hören.

Don Miguel Álvarez hatte eine klare Vorstellung davon was vor sich gegangen war. Wernher hatte sich, als alle anderen im Gasthaus verkehrten mit dem schnellsten Pferd davongemacht. Schieres Unglück hatte ihn in die Arme der Patroullie laufen lassen, die um diese ungöttliche Zeit eigentlich nur ausgesandt worden war um die Waffenträger beschäftigt zu halten. Die Wertsachen musste er fortgeworfen haben als er sicht entdeckt wusste, es waren bereits Leute ausgesandt jene zu suchen.

Don Miguel hatte sofort Reiter ausgeschickt um auch die vorgeblich Verlorenen zu finden. Er hatte geschätzt, dass diese wenn schon nicht die beiden Reiter so doch auf jeden Fall den Trek binnen dreier Stunden hätten erreichen müssen. Nun waren seit dem Gespräch sieben vergangen. Genug Zeit um Wernher für schuldig zu befinden.

Er wandte sich wieder seinen Papieren zu. Briefe an Geschäftspartner im Westen mussten geschrieben werden, Erklärungen für Verspätungen geliefert werden. Er fluchte, denn er wusste nicht einmal ob der Trek nachdem der Capitán sich davongestohlen hatte nicht sogar weitergezogen war. Aber ohne das Geld und die Papiere, die Wernher bei sich hatte würde es schwieriger werden. Und doch gab es die eine oder den anderen die es vielleicht als Möglichkeit sahen sich selbst als Obmann hervor zu tun.

Draußen gab es Getümmel das die gewohnte Geräuschkulisse unterbrach. Don Miguel öffnete ein Fenster und herrschte den verschwitzten Mann der gerade vom Pferd gestiegen war an nicht Maulaffenfeil zu halten sondern sofort herein zu ihm zu kommen. Wenige Momente später stand er im Büro und erläuterte, dass er den Trek und die beiden Reiter gefunden habe. Jene seien als sie Wernher verloren hatten zu diesem zurückgekehrt. Die Leute hätten jedes der Worte bestätigt.

Don Miguel ließ diese unerwartete Information kurz sacken. Dann ging er erneut zum Fester und rief heraus man möge die Bestrafung einstellen. Zum ersten Mal nach fast einer Stunde hörte das klatschen auf, das Schreien hatte ja schon vor einer halben Stunde aufgehört.