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Neuigkeiten aus Anguir

In einer Taverne, deren Serviermädchen dafür stadtbekannt sind für ein angemessenes Trinkgeld besonders großzügig einzuschenken, wechselt ein junges Ding nahe der Sperrstunde einige freundliche Worte mit dir:

Dinge erlebt man hier, dass glaubst du gar nicht. Erst letzte Woche! Da stehen am frühen Abend plötzlich vier Kerle wie Bäume in der Tür. Anguirer, wie man unschwer erkannte. Bei denen muss man ja immer Acht geben, entweder sie trinken dir den Keller leer und fangen dann Streit an oder sie fangen erst Streit an und begießen dann die zünftige Schlägerei, während die anderen Gäste ihre Zähne suchen müssen. Ich habe dem Wirt schon gesagt, dass ich nie wieder Blut aufwischen möchte, soll er doch die Späne dicker streuen lasse ... aber ich schweife ab.

Tja, da standen sie nun, und sie wirkten nicht unbedingt wie die redselige Sorte, die spät am Abend alte Waisen singt. Sie wirkten wie Veteranen eines Schlachtzuges. Zusammengekniffene Augen und Narben an den Armen zeugten von ihrer Vergangenheit. Die Waffen, die sie zumeist über den Rücken geschnallt hatten waren gepflegt, aber benutzt.

Sie wählten einen Tisch am Rand und setzten sich klar abgegrenzt zu allen anderen hin.

Zu meiner Überraschung verlangten sie nicht nach rotem Fleisch und dunklem Bier, sondern nach verdünntem Wein und Obst. So etwas hatte ich ja nun noch nicht erlebt, aber vielleicht mussten sie später noch arbeiten. Da die andere Magd ein wenig Bammel vor den Gestalten hatte kümmerte ich mich um Sie.

Was? Ob ich keine Angst gehabt habe? Naja, ich sitze auch mit dir hier, oder?

Sie sprachen nur leise miteinander und mit sonst niemandem. Irgendwann nahte dann die Sperrstunde und die Vier waren noch immer da. Als wir sie baten zu gehen, fragten Sie plötzlich, ob sie nicht die Nacht hier verbringen könnten, da sie einen Freund erwarten würden. Zuerst war der Wirt nicht begeistert, aber als sie einen Beutel mit Münzen auspackten erlaubte er ihnen direkt im Schankraum zu schlafen, da alle Zimmer belegt waren und einige Fuhrknechte schon in der Scheune lagen. Und was macht der alte Bock dann? Er erklärt denen ungerührt, dass ich auch in der Schankstube schlafen würde…Ich könnte ja rufen, wenn was wäre. Der hatte wohl Angst um sein Bier.

Ich hole also mein Bettzeug, und einen kleinen Dolch, und lege mich hinter die Theke. Die vier ließen sich gar nicht von mir stören. Erst ging es ganz gut und ich konnte ein paar Stunden Schlaf kriegen, aber irgendwann wurde es so kalt, dass ich aufwachte. Ich schaute einmal über die Theke und stellte fest, dass drei von denen sich in ihre Röckchen, erstaunlich wie viel Stoff so ein Ding fasst, eingewickelt haben und vor der Feuerstelle, die noch glomm schliefen und der vierte aufrecht davor saß und darin herumstocherte.

Plötzlich dreht er sich um und grinst mich an ... ob ich frieren würde fragt er und nachdem ich es bejahte bot er mir einen Stuhl neben sich an. Ich fasse mir also ein Herz wickle mich in meine Decke, nehme dabei den Dolch in die Hand, halte ihn aber unter der Decke, und setze mich neben ihn. Irgendwas muss ihn wohl amüsiert haben, da er weitergrinste, aber zumindest schob er sein Hackmesser außer seiner direkten Reichweite.

Und plötzlich fängt der Kerl an zu reden als wenn ich seine Betschwester wäre. Ob ich schon einmal von Dabruth McMarnoch gehört hätte. Ob ich wüsste, dass er in Aklon und bei vielen Clans seiner Heimat unrühmliche Beinamen, wie Chaosliebchen hätte. Und er gar eine Geißel geheißen werde, als er sich in den Clankriegen die Hilfe der Hadraner holte…dann wurde seine Stimme leiser. „Die anderen,” so sagte er, „mögen es eine Besetzung nennen, Ich nenne es die einzige Möglichkeit ein zerstrittenes Volk zu einen”. Ich schwieg zu diesem Zeitpunkt, da mir spontan noch mindestens ein halbes Dutzend weiterer wenige schmeichelhafte Kosenamen für den Kopf des McMarnoch Clans einfielen. Außerdem begann mir zu dämmern, welchem Clan diese Vier wohl die Treue gelobt hatten, was sie der politischen Situation zurzeit zu den Feinden meines Heimatlandes machen würde, Ende der laikerianischen Besatzung in Anguir hin oder her. Alle anderen Anguirer die hier durchkamen waren Exilanten. Nie traf ich welche, die es noch immer ihr Heimatland nannten.

„Sie tun ihm unrecht!”, sprach er recht plötzlich und wohl lauter als er beabsichtigt hatte. Sein Blick bekam eine wilde Note. Dann wiederholte er den Satz leiser, als wolle er ihn sich selbst vergegenwärtigen. „Sie tun ihm unrecht ... und gerade jetzt beweist er es! Nun! In diesem Moment und zu jeder weiteren Stunde bis alle seine Getreuen mit ihm für unser Land gefallen sind. Weißt du was er getan hat Mädchen? Als die Hadraner gingen ließen sie ihm ihre malagitischen Berater da.” Als er den Namen nannte schlug ich schnell das Zeichen des Rades vor der Brust. „Und dann, vor kurzem, als sie ihm Dinge und Pläne offenbarten, warf er sie heraus. Das war ein Anblick.” Er lachte kurz und heftig auf. „Er ließ sie vor die Tür schleifen und mit Stöcken aus Cleadach heraus treiben. Und er wurde immer grüblerischer ... er ließ die Männer wieder unter Waffen stellen und die Küste beobachten. Und er holte immer mehr Männer nach Cleadach. Er spricht ganz offen davon, dass sie unaussprechliches von ihm verlangten. Ihr wisst was man von denen berichtet, die von Tyrbold nach Norden verschleppt werden? Nein? Vielleicht ist es auch besser so... Es braut sich etwas zusammen, dort im Norden. Der Winter ist kälter denn je und die letzte Ernte war mager. Die Soldaten sind schlecht versorgt und Dabruth will immer noch weitere haben. Er hat die alten Religionen wieder gestärkt ...”

„Wir holen sie heim”, sprach er dann und ich glaubte ein Glitzern in seinen Augen zu sehen. „Wir werden die Exilanten bitten heimzukommen.” Dann zog er heftig Luft durch seine Nase ein und begann zu zittern. „Bei allen Göttern wir bitten sie, nach Hause zu kommen!” Und plötzlich verlor er sich, er weinte wie ein kleines Kind.