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Auf verlorenem Posten

„Wer sind die?” raunte Marcus dem neben ihm in der Linie stehenden Gerganes zu, während das knappe Dutzend durchnässter und schmutziger Männer und Frauen aus Richtung Norden kommend an ihnen vorbeizog. Der ältere Soldat warf einen schnellen Blick zum Decurio, der die geflüsterten Worte nicht gehört zu haben schien und antwortete dann leise: „Ich bin nicht sicher. Es scheinen jedoch wichtige Leute zu sein, so wie sich der Praeton eben verhalten hat.” Ein dünnes Grinsen erschien auf seinen Lippen, als er sich erinnerte, wie nervös der Anführer ihres Trupps einige Minuten vorher geworden war, nachdem er einige Worte mit den Fremden gewechselt hatte. Richtig zittrig war er seitdem, seine Stimme hatte sich beinahe überschlagen, als er den Befehl gegeben hatte, eine Gasse zu bilden um die Wanderer passieren zu lassen. Neugierig betrachtete der junge Marcus diese seltsame Gruppe. Er erkannte trotz der dicken Schlammschicht, die auf der Kleidung und der Rüstung jener Menschen klebte, Angehörige verschiedener Völker… mehrere laikerianische Wappenröcke… ein paar wilde Männer mit Röcken, zweifellos aus Anguir… eine Frau mit sonnengebräunter Haut und dicken schwarzen Locken, irgendwo aus dem Süden… und blitzte dort nicht sogar ein weißes ultorianisches Ornat unter dem Dreck hervor? Auch der Veteran neben Marcus blickte auf, als sie schnellen Schrittes die schwere und riesige Kiste an ihnen vorbei trugen. „Hast du das auch gehört?” flüsterte Marcus nervös. Der angesprochene nickte nur stumm. Laute, Stimmen und Geflüster die aus der Kiste drangen, wisperten, sich in seinen Kopf schlichen. „Bei den Göttern, was tragen sie da mit sich rum?” murmelte der Alte in seinen Bart.

Die wortkarge Gruppe trug ihre schwere Fracht direkt in das Zelt des Praetons. Neugierige Blicke folgten ihnen, bis der schwere Stoff des Eingangs die Sicht versperrte. Marcus konnte hören, dass die im Inneren geführten Diskussionen immer lauter wurden, offenbar missfiel dem Praeton sehr, was er hören musste. Schließlich ließ er einige seiner Meldeläufer kommen, die schnellen Schrittes das Feldlager verließen, wenige Augenblicke später hatte die Dunkelheit der Nacht sie verschluckt. Murrend sagte Marcus: „Was besprechen die denn bloß da drinnen? Sollten wir nicht endlich gegen die Kolten kämpfen? Ich bin das Warten leid.” Der Ältere, der noch immer neben ihm stand, warf ihm einen mitleidigen Blick zu, erwiderte aber nichts darauf.

Einige Stunden später, die Nacht war weiter vorangeschritten und die meisten Gerganes hatten sich bereits in ihre Zelte zurückgezogen um sich vor dem Regen zu schützen, kehrten die Boten aus dem Süden zurück. In ihrer Begleitung befand sich eine kleine Gruppe, anscheinend Offiziere aus aller Herren Länder. Marcus, der interessiert den Kopf aus seinem Zelt gesteckt hatte, erkannte den rot-goldenen Wappenrock eines aklonischen Reichsritters, in dessen Begleitung sich ein ultorianischer Schwertbruder in dicker Panzerung befand. Eine Sythin in bunter Kleidung fiel ihm auch ins Auge, anscheinend im Range eines Coronel der Fremdenlegion. Und weitere waren dort, die er in der Dunkelheit der Nacht nicht genau erkennen konnte. Schnell, so dass nur wenige der einfachen Soldaten ihr Erscheinen überhaupt bemerkten, führten die Boten die Neuankömmlinge in das Zelt des Praetons. Eine ganze Weile noch schaute Marcus zu dem Zelt seines Vorgesetzten herüber, bis ihn endlich der Schlaf übermannte.

Doch die Nacht endete für ihn bald, Trompetenklänge rissen die Truppe aus dem Schlaf. Überall wurden Befehle gebrüllt und die Gerganes machten sich für den Abmarsch bereit. Auch Marcus sprang aus seinem Zelt, hinter den Hügeln in der Ferne konnte er bereits die ersten Sonnenstrahlen sehen. Sein Blick wanderte automatisch zum Zelt des Praetons, das bereits zur Hälfte abgebaut war. Vor dem Zelt ruhten nun in hölzernen Gestellen insgesamt acht Kisten, die alle der geheimnisvollen Fracht der letzten Nacht glichen. Stirn runzelnd wandte er sich an den Veteranen, der neben ihm gerade sein Gepäck aufnahm. „Warum sind das plötzlich so viele Kisten?” Der angesprochenen zuckte mit den Achseln, „du hast wohl schon geschlafen, als der Praeton die Zimmerleute aus dem Tross hat wecken lassen. Die haben die ganze Nacht daran gearbeitet, wie es aussieht.”

Die Disziplin der laikerianischen Armee zeigte sich einmal mehr, als die Soldaten in wenigen Minuten das Feldlager abgebaut und in ihren Rucksäcken verstaut hatten. Gespannt warteten sie nun auf weitere Befehle. Der Praeton besprach sich leise mit den Gruppen, die in der letzten Nacht eingetroffen waren, dann rief er die Anführer des Trosses zu sich. Während er Befehle erteilte, die erschrocken zur Kenntnis genommen wurden, verteilten sich die bunt gewürfelten kleinen Gruppen auf die verschiedenen Kisten und verließen mit ihnen gen Süden und Westen den Platz ohne den verwunderten Gerganes auch nur einmal in die Augen zu sehen. Nur kurz nach dem Lager teilten sie sich auf und zogen auf verschiedenen Wegen davon.

Marcus wandte sich fragend an den Veteranen, der erneut neben ihm im Glied stand, doch ein Blick in dessen Augen ließ ihn verstummen. Der Alte seufzte und sagte dann leise: „ Nun ist es soweit, Junge.” Als er nunmehr allein mit seinen Männern war, trat der Praeton vor die Truppe und hielt eine Ansprache. Mit flammenden Worten wie aus dem Lehrbuch schilderte er den Soldaten die Lage. Der Feind sei wenige Stunden entfernt und verfolge die Gruppen mit den Kisten. Die Fracht müsse um jeden Preis Laikeria-Stadt erreichen und nur sie, die Männer und Frauen der 3. Kohorte könnten die koltischen Streitmächte lange genug aufhalten, um diesen Rückzug zu gewährleisten. Er beschrieb den jungen Soldaten den ruhmreichen Sieg, den sie über die Feinde des Imperiums erringen würden, und die meisten glaubten diese Worte und stimmten voller Elan in die am Ende der Ansprache angestimmte Hymne Laikerias ein.

Dann marschierte die 3. Kohorte des 5. Manus der 10. Legion ab, weithin erklang der Gesang aus Kehlen, die teilweise gerade erst den Stimmbruch hinter sich hatten, und sie sangen auch noch, als die Späher die ersten Chaosbanner entdeckten, und als der Gesang in Todesschreie überging...