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Der Fall von Claedach

In den schlammigen Straßen von Claedach herrschte heilloses Durcheinander. Wagen und Fuhrwerke verstopften die engen Gassen, Frauen rafften ein paar Habseligkeiten, Kinder schrien und Greise irrten orientierungslos umher. Einige starrten nur stumpf nach Norden, wo der Abendhimmel rot leuchtete und eine gewaltige Rauchsäule alles verdunkelte. Alle Dörfer nördlich von Claedach brannten.

Am Horizont, von hinten beleuchtet durch die brennenden Dörfer, konnte man die dunkle Silhouette des koltischen Heeres bereits sehen, das nun auf Claedach zu marschierte.

In der Königshalle herrschte eine gespannte Stille. Keiner wagte sich zu rühren, als der Hochkönig Dabruth McMarnoch und sein jüngerer Bruder, Thain Soggoth McMarnoch sich anstarrten, beide die Hand am Schwert.

Seit Stunden schon dauerte der Streit im Kronrat zwischen dem Hochkönig und seinem obersten Kriegsherrn Soggoth. Jeder hatte einen Teil der McMarnoch Clansmen hinter sich. Sie waren zur Abwechslung alle nüchtern.

„Wir haben das schon hundertmal diskutiert! Wir hatten einen Pakt mit Dorgul und Laikeria. Aber wir haben keinen Pakt mit Kolte. Wenn Malagash wirklich so verrückt geworden ist, die Welt vernichten zu wollen, dann ohne mich. Ich will herrschen, nicht mich selbst vernichten!”, sagte Dabruth zum wiederholten Male.

„Du bist ein Feigling und Verräter an Malagash!”, schrie Soggoth und sein Schwert fuhr nun endlich aus der Scheide. Doch Dabruth war schnell genug, um sein Schwert ebenfalls zu ziehen und den Schlag zu parieren. Viele weitere Schwerter wurden gezogen und Äxte gehoben.

„Du willst wirklich die Halle des Königs mit Blut besudeln?” übertönte Dabruth das Getöse.

„Die Halle des Königs?” antwortete Soggoth schneidend, „Das hier ist bald eine qualmende Ruine und du bist ein armer Narr, das du den Tatsachen nicht ins Auge sehen willst. Nur mit Kolte können wir überleben! Wer sich jetzt nicht an Koltes Seite stellt, der wird einfach zerrissen wie ein einsames Schaf vom Wolfsrudel. Was willst du tun? Dich gegen Kolte stellen? Unsere Clanskrieger sind mutige Kämpfer, aber sie können die koltische Flut nicht aufhalten! Sie können Malagash nicht aufhalten!! Willst du dich ernsthaft gegen Malagash, den Schöpfer der Welt, stellen? Du hast keinen Blick mehr für die Realität, alter Mann!”

Mit diesen Worten holte Soggoth erneut aus und führte einen mächtigen Schlag, um Dabruth den Schädel zu spalten. Dabruth hatte nicht mehr die Geschwindigkeit seiner jungen Jahre, aber die Erfahrung des alten Kriegers. Mit einer flüssigen Bewegung drehte er sich zur Seite. Soggoths Schlag ging ins Leere und er geriet durch die Wucht seines eigenen Schlages ins Straucheln. Er stolperte einen Schritt vorwärts. Statt aber wieder auf die Beine zu kommen, sackte er langsam weiter in sich zusammen und kippte dann zur Seite.

Jetzt erst sahen die Umstehenden das Messer des Hochkönigs in der Seite Soggoth's stecken.

Bevor jemand reagieren konnte, donnerte der Hochkönig: „Ja − ich will mich gegen Kolte stellen. Und ja − ich will mich gegen Malagash stellen. Er ist nicht länger mein Gott. Habe ich den Blick für die Realität verloren? Ich weiß, das wir sterben werden. Aber ich sterbe als Hochkönig von Anguir, als Herrscher über fruchtbares Land und stolze Krieger. Nicht als koltischer Sklave auf verbranntem Boden, den Weltuntergang vor Augen. Wer sich den Kolten anschließen will, hat jetzt die Gelegenheit, sich davonzumachen. Wer bleibt, hat die Gelegenheit, in den Sagen und Geschichten weiterzuleben und vorher noch ein paar dieser Kreaturen ihrem Schöpfer näher zu bringen! Wir werden kämpfen und sterben mit dem Schwert in der Hand!”

Ungefähr ein Viertel der Clansmen verließ die Stadt, um zu den Kolten überzulaufen. Der Rest blieb. Die nördlichen Tore Claedachs wurden geschlossen und verbarrikadiert, die Palisaden mit Kriegern besetzt. Jeder von ihnen wusste, das die Stadt dieser koltischen Flut kaum eine Stunde standhalten würde. Aber jede einzelne Minute würde zählen, damit die Flüchtlinge eine Chance hatten, den Orks und Mutanten zu entkommen und Schutz im Süden zu suchen. Sie alle hofften, das jemand überleben würde, um ihre Geschichte zu erzählen.