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Die grüne Flut

Es lag noch Schnee auf den Wiesen und Feldern unserer Dörfer, es waren kalte Tage und noch kältere Nächte, welche uns das Leben schwer machten. Das vergangene Jahr brachte reichlich Getreide und auch Gemüse ein, die Jagt hingegen lief nur sehr schleppend. Kaum noch Wild war in den südlichen Ausläufern der Orklande ausfindig zu machen. Hungern mussten wir dennoch nicht, dachten wir...

An einem besonders kalten Wintertag begann es dann. Ich war gerade damit beschäftigt, eingemachte Bohnen und Kürbisspalten aus unserem Vorratskeller zu holen, welcher am Rande unseres Hofes, nahe des Waldes, unter der Erde lag. Mein Gesicht hatte ich mit Mütze und Schal soweit vermummt, das nur noch ein winziger Spalt zu sehen blieb. Als ich in den Keller hinab stieg, hörte ich plötzlich dieses Donnern und Beben. Es war leise und undeutlich, kaum auszumachen. Ich lockerte meine Mütze und den Schal um mein linkes Ohr zu befreien und dieses merkwürdige Dröhnen besser benennen zu können. Es wurde lauter und das Beben heftiger. Als würde der Boden einen gleichmäßigen Takt spielen. Aber wie sollte das möglich sein? Ich legte zwei Gläser Bohnen in den Korb und stieg aus dem Keller hinauf, verriegelte die Tür und sah mich um, mein Gesicht war noch immer enthüllt, da ich zu neugierig war woher wohl diese Klänge kamen. Nichts, kein Laut ist mehr zu hören. Als wäre dort nie etwas gewesen. Hatte ich mich getäuscht, oder können es Mäuse im Vorratskeller gewesen sein? Wie dem auch sei, Eva wartete auf mich, sie bereitete das Essen vor und wenn ich nicht bald mit den Bohnen kommen wurde, war mir ein mauliges Eheweib gewiss. Da meine Eva so nachtragend ist und den Tag schon mit dem falschen Fuß begonnen hatte, würde das den Verlauf des Tages nicht angenehmer gestalten.

Als ich mich unserem Haus näherte stand Eva bereits in der Tür und fragte mit einem unangenehmen Unterton, wo ich so lange gewesen sei.

„Ludwig”, fauchte sie, „wo bleibt das Feuerholz? Du solltest erst Feuerholz holen, dann die Bohnen, wie soll ich kochen wenn das Feuer nur noch glimmt?”

Recht hatte sie, aber ich war es wirklich leid ihr ernsthaft zu zuhören, wenn sie mich wie eine Mutter versucht hatte zu belehren.

Ich machte mich also rasch auf den Weg, das geschlagene Holz aus dem Unterstand zu besorgen, um meinen Hausdrachen zu beruhigen. Da sah ich es! Unser Hof lag an einem Hügel ganz im Norden Gormarks, vom Unterstand aus konnte ich am Wäldchen vorbei in die ebenen Flächen der Orklande hinab blicken. Eine bewegliche Schlange aus unzählbaren Kreaturen bewegte sich auf unsere Ländereien zu, ich konnte orkische Banner erkennen, es waren aber auch Menschen in den Reihen der grünen Flut. Jetzt endlich ertönten Gormarks Rufhörner und schlugen Alarm. Doch es war deutlich, wenn diese Armee durch Borbano marschieren würde gäbe es keinen Ausweg. Unsere Mauern waren stark, aber wie lange könnten unsere Bogenschützen die anströmenden Massen zurückhalten. Plötzlich begann es hektisch zu werden. Die Verteidigungswälle unserer Festungsanlagen fluteten sich mit Bogenschützen, hinter den Toren sammelten sich Schwert- und Speerkämpfer. Und das Beben des Bodens würde mit jedem Schritt der grünen Welle lauter. Ich befürchtete, daß unsere Mauern schon durch den bloßen Druck des Bodens reißen könnten. Ich stand noch einen Augenblick lang fassungslos da, bis mir klar wurde das ich handeln müsse. Ich gebe es offen zu, ich war mir meiner Entscheidung nicht gewiss, laufe ich fort oder rüste ich auf? Ich lief ins Haus, wo meine Frau sofort mit dem Nörgeln begann, ich ignorierte sie, lief in meine Kammer, zog mir die alte Lederrüstung meines Vaters über, ich selbst bin nie ein Soldat gewesen, ich bin Bauer. So nahm ich mein Beil, die Waffe mit der ich wohl am meisten Erfahrung hatte, wenn auch nur im Kampf gegen knorpeliges Holz. In die andere Hand nahm ich eine Kette, ich erhoffte mir damit Feinde vom Hals halten zu können. Ich hatte Angst und mit jedem Schritt den ich den Stadtmauern näher kam wurde meine Angst stärker, so müssten sich die Lämmer vor der Schlachtbank fühlen.

Ich habe noch nie gekämpft, noch nie einer Fliege ein Haar gekrümmt und nun steht der Krieg vor unserer Tür und die Trommeln werden lauter.

Die Nacht nahm allmählich Einzug, das Warten unter immenser Anspannung war wie das Inferno. Alles was wir sehen konnten war unsere eigene Mauer und unsere Bogenschützen, die unermüdlichen Pfeilhagel auf das Bündnis von Orks und wilden Menschen regnen ließen. „Mutanten!!!” tönte es von den Schützenwällen, „Sie Haben Mutanten in ihren Reihen.” Ich kann nicht mehr sagen was schlimmer war, die Schmerzen in Fingern und Füßen, welche auf erste Erfrierungen hindeuteten oder die kalte Furcht, die mir den Schweiß auf dem Rücken gefrieren ließ. Plötzlich knallte es. Die Bogenschützen auf den Mauern zogen sich dichter zusammen und feuerten Pfeile in Richtung Tor als gäbe es kein Morgen mehr. Nun muss es soweit sein, dachte ich mir und erneut prallte die schwere, von Ogern getragene Ramme gegen das Tor. Wieder und wieder. Plötzlich hörte es auf und die borbanorischen Bogenschützen verteilten sich wieder großzügiger auf den Mauern, Kinder eilten herbei mit Köchern voller Pfeile, um die Bogenschützen zu versorgen. Ich betete, sie mögen verschont bleiben, sie waren noch so jung und hatten ihr Leben noch nicht einmal begonnen zu leben. Möge Fardea ihnen gnädig sein. Ich öffnete meine Augen und sah, wie es erneut zu schneien begonnen hatte. Der Pfeilhagel beruhigte sich, es wurde stiller. Die Ruhe vor dem Sturm? Es schien als würde sich das feindliche Heer neu ordnen, außerhalb der Reichweite der Schützen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, und das Warten nahm kein Ende. Wieder eilten Kinder und Frauen herbei, diesmal mit Körben voller Brot. Jeder bekam ein Stück. Beeindruckend wie die Versorgung ablief, zahlreiche fleißige Helfer, ein wirklich geordneter Ablauf. Jeder hatte begriffen, daß es hier nicht um eine Fehde ging, sondern um das nackte Überleben. Die Stunden verstrichen, jedoch nicht wie im Fluge. Die Müdigkeit schien ebenfalls zu einem heimtückischen Feind zu werden, gepaart mit der Kälte, eine kaum zu ertragende Folter. Doch wir mussten aushalten. Es vergingen zwei ganze Tage, wir versuchten im Wechsel zu schlafen, hüllten uns in Wolldecken, die Angst und die Anspannung wurden gänzlich vom Schmerz abgelöst. Immer im Winter kommt das Pack, sie sind zäher und kältefester als wir Menschen, das wissen die Grünhäute genau, so dumm und einfach sie auch sein mochten. Unmittelbar neben mir brachen immer mehr meiner Landsmänner völlig entkräftet und unterkühlt zusammen. Wir hatten nahezu keine Verwundeten und doch hatten unsere Heiler alle Hände voll zu tun. Das rege Treiben auf unserer Seite der Mauer wurde schlagartig zäh, als ein gewaltiges Krachen die Mauer erschütterte. In kürzester Zeit schlugen unzählbare Felsbrocken gegen die Mauer. Es begann Steine und Felsen zu regnen, Häuser und Soldaten wurden regelrecht zertrümmert und unter den gewaltigen Lawinen begraben. Sie hatten Tribocke errichtet und nahmen uns in die Mangel, nur eine Frage der Zeit bis die Mauer brach. Keine Möglichkeit für uns, einen Gegenangriff zu starten, die Reichweite unserer Pfeile war geringer als die Wurfkraft der gewaltigen Schleudern.

„Wir haben keine Wahl, Herr Hauptmann” hörte ich unseren Baron, Tjorben von Gormark, sagen. „Wir müssen einen Ausfall wagen. Wir können nicht hier verharren, bis der Sturm den letzten Stein gespalten hat...”

Ich hörte es zwar, nahm es aber nicht wirklich wahr, was das hätte bedeuten können.

Hauptmann Rotbart grummelte mit zorniger Stimme: „Dann soll es so sein!”, brüllte aus voller Kehle: „Schickt die schwere Reiterei!”

Meine Augen vielen zu, ein Gefühl des Sterbens übermannte mich, aus vollem Stand fiel ich nach hinten weg, wie in Zeitlupe nahm ich es war, der dumpfe Schlag meines Schädels auf die Kopfsteine des Innenhofes nahmen mir die Sinne...

Fortsetzung folgt!