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Die Eisbrücke

Shenshaa stand am Bug des schattenelfischen Schnellseglers. Der scharfe Nordostwind wirbelte seine schlohweißen Haare um seinen Kopf, so daß er kaum etwas sehen konnte. Es war bereits Shenshaas fünfte Patrollienfahrt in Reichweite der koltischen Küste. Diese Patrollien waren extrem gefährlich. Bereits 13 Schnellsegler waren von den koltischen Galeeren versenkt worden oder auf hoher See verschollen. Das hinterließ langsam eine deutliche Lücke in der Flotte Cahir Sheveens. Aber es war immer noch besser, einige Eissegler zu verlieren, als irgendwann ohne Vorwarnung eine koltische Invasion Cahir Sheveens hinnehmen zu müssen. Der Wind war so kalt, daß sogar der kältegewöhnte Shenshaa seinen Mantel aus weißem Seehundfell enger um die Schultern zog. Geradezu trotzig starrte er dem Wind entgegen nach Norden, dorthin, wo Kolte lag.

Der Herrscher Cahir Sheveens, der Cahirdan, war anscheinend überzeugt, das die Invasion der Kolten früher oder später kommen würde. Und was lag näher, als daß Cahir Sheveen ein Hauptziel der Kolten sein würde. Schließlich hatten sie, die Schattenelfen, als einzige die Gefahr zur Gänze erkannt. Nur Cahir Sheveen besaß die Technologie, Schwerter zu schmieden, die die Rüstungen der koltischen Paladine durchdringen konnten! Nur Cahir Sheveen besaß das Wissen, Artefakte zu schaffen, die die Schläferdämonen enttarnen konnten! Von den anderen Forschungen ganz zu schweigen. Dieses Wissen mußte Kolte fürchten. Dumm nur, das diese Waffen und Artefakte so schwierig herzustellen waren und so viel des wertvollen Taslynn verbrauchten, daß ihre Zahl gering war. Zu gering, um eine ernsthafte koltische Invasion zurückzuwerfen.

Waren die Forschungen, die die Schattenelfen anstellten, um den Kolten zu begegnen, dem Feind unbekannt geblieben? Das war eine Frage, die sich der Cahirdan ständig stellte. Und nicht nur er. Die Schattenelfen besaßen die Artefakte, um die Schläferdämonen zu enttarnen. Es war eine ganze Reihe dieser Schläfer entdeckt worden. Vor allem in Vuanaka, wo es für die Kolten einfacher war, ihre Spione zu plazieren als auf den gut abgeschotteten Inseln. Aber hatten sie alle Schläfer erwischt? Wie viel Wissen war vor ihrer Enttarnung nach Kolte gelangt? Und zumindest wußten die Kolten, das Cahir Sheveen eine Möglichkeit besaß, die Schläfer zu enttarnen. Demzufolge war es nur logisch, das Kolte zuerst auf den Eisinseln Cahir Sheveens zuschlagen würde.

Also fuhren die Schnellsegler Patrollie. Tag und Nacht, zu jeder Jahreszeit. Bei jedem Wetter. Die Sklaven an Bord waren dem harten Wetter nicht alle gewachsen. Einer war in der letzten Nacht erfroren, drei an Krankheiten oder Erschöpfung verendet. Verschmerzbare Verluste. Es waren noch genug da, um zusammen mit Shenshaas Clanangehörigen das Schiff zu segeln. Noch drei Tage, dann würden sie beidrehen und der nächste Schnellsegler würde ihre Position übernehmen. Dann ging es wieder zurück in die Heimat − bis zur nächsten Patrollienfahrt. So lange, bis die Kolten endlich kamen oder die Schattenelfen keine Schiffe mehr besaßen.

Inzwischen fuhren sie weit südlich auf Höhe der verödeten hadranischen Stadt Luruk. Sobald der Wind sich drehte, war es Zeit, nach Nordwesten abzudrehen. Shenshaa wollte sich gerade abwenden, da sah er etwas unglaubliches. Sie fuhren genau auf einen riesigen Gletscher zu − mitten im Meer, hunderte von Meilen von Kolte entfernt! Wie eine riesige Brücke wuchs dieser Gletscher aus dem Norden heran und teilte das Meer wie eine massive Mauer. Shenshaa brüllte sofort den Befehl zum Beidrehen.

Die Mannschaft reagierte nicht sofort, denn alle starrten den Gletscher an. Shenshaa sprang vom Achterdeck hinunter und rammte dem erstbesten Sklaven seinen schlanken Dolch zwischen die Rippen. Während dieser zusammensank, wiederholte er seinen Befehl mit überschnappender Stimme. Nun kam Bewegung in die Mannschaft, Sklaven wie Schattenelfen rissen das Ruder herum, refften die Segel und zerrten an der Takelage. Doch es war zu spät, der Nordostwind drückte das elegante Schiff gnadenlos gegen die Wand aus Eis. Mit schrillem Krachen brach der Bugspriet und der Rumpf wurde aufgerissen. Shenshaa hatten gerade noch genug Zeit, das Beiboot zu Wasser zu lassen und mit den nötigsten Dingen zu bestücken. Einige der Sklaven liefen noch panisch an Bord des sinkenden Schiffes umher, andere schwammen im eiskalten Meer. Die Unterkühlung gab ihnen nur wenige Minuten, bis sie leblos auf den Wellen trieben. Einer der Sklaven, ein starker Helingarder, kam dem Beibott gefährlich nahe. Ein gezielter Schlag mit dem Ruder beendete seine Bemühungen. Es war nicht genug Platz im Beiboot. Nicht einmal für alle Schattenelfen. Damit die Starken überleben konnten, mußten die Schwachen und Wertloseren sterben. Shenshaa ließ das Segel des Beibootes setzen, während hinter ihm der stolze Eissegler versank. Wieder hatte Cahir Sheveen eines seiner Schiffe verloren.