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Der Krieg in Anguir

Der Regen fiel in dicken dichten Tropfen über den Hügeln Anguirs. Durch den Schleier wankten eng gedrängte Gestalten. Triefende Stoffe drückten sich schwer auf Schultern und Köpfe und ließen die Konturen der Gestalten zu vage humanoiden Formen mit kaum erkennbaren, klobigen Gliedmaßen verschwimmen. An der Spitze der Gruppe setzte sich eine Figur leicht ab, wendete und blickte den langsam in größerer Zahl Auftauchenden entgegen. Schließlich wandte sich der Blick einmal rundherum, doch die Wasserwände verbargen die Sicht auf den Horizont und die Umrisse der Hügel rundherum. Eine behandschuhte Hand hob sich einigen Gestalten entgegen, die wenige Schritte abseits ihre Augen auf die Person gerichtet hielten, und gab ein Zeichen, auf das sie gewartet zu haben schienen.

Als der Ruf zum Halten und Lager machen die Reihe der marschierenden Frauen und Männer entlang getragen wurde, konnte man vermeinen, parallel ein tiefes Durchatmen und das Dröhnen des Regens vernehmen zu können.

Hagen konnte nur mutmaßen, aber seiner Schätzung nach wechselte der Ruf mindestens viermal die Sprache, bis er auch die letzten erreicht hatte. Schnell gesprochene sythische Befehle der Dalomasieri, eines kleinen Söldnerhaufens, wurden von vermischten Rufen verschiedener Clanshäuptlinge der Anguirer Freischärler übertönt. Und die ruhigen, fast lyrisch wirkenden Worte einiger Haraliner Elfen, die erst vor kurzem zu diesem Verbund gestoßen waren wurden von den gebellten Kommandos in der Reichssprache durchbrochen. Er benötigte einen Moment, um sich zu vergegenwärtigen, dass die Kommandos vom eigenen Schleifer stammten. Aber er musste nicht exakt hören, was befohlen worden war. Er kannte den Ablauf. Er betrachtete die Kolonne hinter sich, wie sie sich der letzten dieser verfluchten Steigungen für heute entgegen arbeitete. Die ersten konnten noch über festes Gras wandern, doch zweifellos würden die letzten in der Reihe sich über eine Straße aus Schlamm quälen. Er dankte der Vorsehung, dass sein Ritter im Augenblick den Oberbefehl über das vermischte Heer hatte und er und die anderen Waffenknechte des Ritters an der Spitze des Zuges marschierten. Endlich gab es ein Einsehen, dass der Marsch keinen Sinn mehr machte, wie die Anführer der anderen Kontingente es dem Ritter bereits mehrfach klar zu machen versucht hatten. Diese machten sich nun von der Spitze zu ihren Soldaten auf. Hagen suchte den Himmel kurz auf der Suche nach einem Schimmer zwischen der dunklen Wolkendecke ab doch senkte den Blick wieder als einiges Wasser, das sich in einer Kleiderfalte am Hals gesammelt hatte, seinen Kragen im inneren herab rann, den Weg unter den Harnisch fand und sich schließlich über dem engen Gürtel sammelte. Dann wendete er seine Gedanken den Aufgaben zu, die vor ihm lagen. Das Zelt galt es aufzubauen und Kochfeuer ... nun, es galt zumindest das Zelt aufzubauen.

Als er versuchte, die von der Feuchtigkeit beschwerte Zeltbahn straff zu ziehen, hörte er die gereizte Stimme seines Lehensherren hinter sich. „Ein feines Örtchen haben wir uns zum Krieg machen gewählt, oder?” Den anderen Obleuten missfiel die Tatsache, dass ein junger Ritter ohne Kriegserfahrung nun das letzte Wort in allen Angelegenheiten hatte, wenn es auch nur für wenige Tage war. Denn der Oberbefehl wechselte ständig, um allen gleiches Recht zu gewähren, die ihre Waffen gemeinsam zu Felde führten. Dass es den anderen missfiel, missfiel wiederum seinem Herren, der besonders von den Anguirer Häuptlingen und ihren Banden von, wie er sie nannte, „Kehlenschlitzern und von-hinten-Stechern, mit wenig Lust für offenen Kampf” wenig Liebe entgegen brachte. Er hatte das Kriegshandwerk an der Ars Bellica gelernt und hatte eine verklärte Vorliebe für das Gefecht Reihe gegen Reihe auf offenem Gelände. Glücklicherweise hatten seine Lehrer ihm jedoch genug Verstand einbläuen können, um zu verhindern, dass er es suchte, wenn der Ausgang nicht klar zu seinen Gunsten abzuschätzen war. Hagen, der bereits des Ritters Vater gegen Hadran gedient hatte, mochte den Jungen und versuchte sein Gemüt auf zu muntern. „Herr, die anderen Herren trauen ihren Soldaten halt nicht über den Weg. Wer weiß wie viele sich bereits im Regen verirrt haben?”

„Wenn sie nur bereit gewesen wären eine Stunde weiter marschieren zu lassen. Wir müssen noch mindesten zwei Stunden Tageslicht haben.”

Hagen versuchte sich den Zweifel nicht anmerken zu lassen. Zum ersten hatte er, bis auf die Knochen durchnässt, frierend und durch die vollgesogene Kleidung und die schwere Rüstung, die von allen Soldaten nur die Waffenknechte ständig tragen mussten, ermüdet, überhaupt keinen Schimmer wie spät es war. Zum Zweiten musste er sich fragen: Und dann? Dann stehen wir einige Schritte weiter entfernt von der Ostküste, die sie − erfolglos − nach Feinden abgesucht hatten. Und zum Dritten und letzten: Welchen Krieg? Er hatte außer zerstörten Gehöften noch keinen gesehen. Der Feind hatte sein Heer scheinbar in viele Abteilungen aufgeteilt und zog landauf-landab durch Anguir. Hinzu kamen Überfälle durch Helingarder Plünderer auf die Küste. Sie würden mehr Männer brauchen als sie jetzt hatten, um diese Abteilungen alle zu stellen, viel mehr Männer. Das war kein Krieg wie er ihn kannte.

„Und es hört ja auch schon auf zu regnen!”, erklärte der Ritter trotzig.

Nun musste er sich ein Auflachen verkneifen. Der Junge Ritter warf die Kapuze zurück, um seine Worte zu unterstreichen, doch die Geste verlor an Dramatik, als sie tropfnass an seinem Hinterkopf hängen blieb und erst langsam in den Nacken rutschte. Doch er hatte recht, der Regen ließ merklich nach. Triefend rammte er die Hände in die Hüfte. „Jetzt werden sie mir doch noch zustimmen müssen.”, sagte er und ging steifbeinig in eine unbestimmte Richtung fort.

Hagen starrte ihm ungläubig nach. Die Männer und Frauen nun wieder aufbrechen zu lassen, würde eine enorm schlechte Stimmung verbreiten und eine feste Siedlung war noch Tagesmärsche entfernt. Die Dörfer hier in der Gegend hatten kaum genug Hütten, um die Offiziere unterzubringen.

Er widmete sich wieder der Zeltbahn und das eintönige Prasseln rund um ihn herum wurde leiser. Bei einem kurzen Blick in die weite Runde konnte er die Hügel um sie herum und sogar Steinformationen auf den östlichen Kuppen erkennen. Sie schienen in einem Tal zu liegen, ein grauenhafter Ort, wenn es nachts weiter oder wieder regnen würde.

Als er zufrieden mit der Spannung des Zeltes war hatte der Regen fast aufgehört und sogar die Sonne zeigte sich zaghaft. „Verdammt, der Junge hatte recht.”, sagte er zu sich selbst als er bemerkte, dass sie noch mindestens zwei Stunden am Himmel stehen würde. Dann fiel sein Blick wieder auf die Kuppen der Hügel. Mit dem Instinkt eines alten Soldaten wusste er, dass etwas nicht stimmte, aber er brauchte einige Sekunden um zu begreifen was. Die Steinformationen waren fort. Noch als er sich ausmalte was das bedeuten könnte erscholl ein mehrstimmiger Alarmruf im Lager und in weniger als 500 Schritt Entfernung tauchten Reihen von Gestalten aus einer Senke vor dem Hügelkamm auf, die die Rufe mit herausforderndem Gebrüll quittierten. Einzelne Kreaturen, die ihre verlängerten Arme wie ein zweites Paar Beine nutzten schossen dem Hauptpulk nun voran, in dessen Mitte sich ein Schildwall aus Helingarder Rundschilden formierte. Ein Banner mit einem Achtstern in dessen ließ keinen Zweifel mehr, der Feind, den sie gejagt hatten, hatte nun sie gefunden.