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Lentusk, Teil 1

Enaruelliana Zhahandrel lief. In weiten Schritten und ruhigem Rhythmus arbeiteten sich ihre Beine Kilometer um Kilometer durch eine unwirkliche Landschaft vor. Es war klar, dass dies hier Menschenland war. Es war gezähmtes Land, urbar gemacht, besiedelt. Kein Blick auf den Horizont war möglich, ohne dass sich eine Mühle oder eine Siedlung gegen die Morgenröte abzeichnete. Das Prädikat unwirklich erwarb sich die Landschaft durch den einfachen Faktor, dass dies Menschenland ohne Menschen war. Die Bewohner waren fort, im Süden, zumindest wenn sie Glück hatten.

Es gab zu wenige Wälder für ihren Geschmack. Die Fleckchen von dichten Bäumen wirkten gnädig geduldet und nicht dominant. Allerdings lag es ihr fern die Wälder aufgrund ihrer Erhabenheit und Natürlichkeit zu vermissen, sie vermisste die Deckung die sie vor fremden Augen boten. Die Stimme ihres Vaters sprach aus ihrem Gedächtnis zu ihr: „Wenn du nicht unsichtbar sein kannst, sei schnell.“ Nicht zum ersten Mal in den vergangenen Tagen wünschte sie sich, dass sie ihr Pferd nicht hätte zurücklassen müssen, doch es hatte gelahmt. Bis zu diesem Punkt hatte es seinen Zweck erfüllt, eigentlich sogar mehr als das. Ein leises Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie sich ihre Verfolger vorstellte, wie sie nicht nur bemerkten, dass sie sich nicht bei dem Tier befand, sondern auch, dass die Schnitte auf der Flanke des Tieres die Form und die Wirkung einer magischen Rune besaßen. Sie hatte das Tier mit Säcken von Steinen gemäß ihrem eigenen Gewicht beschwert, dann die Rune aufgebracht und das Tier schließlich fortgetrieben. Sie selbst hatte großen Aufwand betrieben, um ihre Fährte und ihre Witterung zu verwischen. Dann war sie in höchstmöglicher Geschwindigkeit in eine neue Richtung aufgebrochen. Zwar wäre ihr der direkte Rückweg direkt in Richtung Rudnoy, zum großen Heerlager Laikerias und somit auch zum Zentrallager der Späher Raikals lieber gewesen, doch es war absehbar gewesen, dass er versperrt war. Zu viele Versprengte des zurückgeschlagenen koltischen Heeres trieben sich zwischen Rudnoy und Kural herum, zu viele hungrige Orks, führungslose Mutanten und andere Kreaturen deren Absichten düsterer waren, da sie über das nachdachten, was sie taten.

Ihr Lächeln verblasste, als sie sich gedanklich korrigierte. Sie hätte die Vorstellung der Überraschung ihrer Verfolger nicht ins jetzt, sondern in die Vergangenheit setzen müssen. Weiter in die Vergangenheit als ihr lieb war. Wie lange konnte ein lahmendes und verwundetes Pferd Dingen entkommen, die seiner Spur schlafwandlerisch sicher folgen konnten und die scheinbar keine Ruhe brauchten? Sicher doch lange genug, um die Spur einer Elfe, die sich ungesehen zu bewegen wusste endgültig zu verlieren. Sie klammerte sich an den Gedanken, hielt sich an ihm fest und versuchte die von ihm ausgehende Sicherheit in ihre schmerzenden Waden zu leiten.

Die gedankliche Drift zu ihren Beinen war unwillkommen, diese nun wieder aus dem Kopf zu bekommen war notwendig, lebensnotwendig. Mit dem Pferd hätte sie, nachdem sie den Fluss überquert hatte, eigentlich nach drei Tagen Rudnoy erreichen können müssen. Sie war sich noch unschlüssig, ob die Entdeckung der unbewachten Brücke Glück oder Pech gewesen war, inzwischen tendierte sie zu Pech, da sie nun bemerkt hatte, dass alle Brücken unbewacht waren, sich ihre Verfolger aber ungefähr an dieser Stelle an ihre Fährte geheftet hatten. Das Pferd musste sie nach einem Tag zurücklassen und selbst dir Richtung ändern. Sie hatte sich entschieden stramm nach Westen zu laufen und hatte innerhalb weniger Stunden das südliche Ufer eines Flussarmes passiert, wo ihr das erste mal aufgefallen war, dass auch andere Brücken unbewacht waren, ebenso wie Kreuzungen der großen Reichsstraßen und sogar Kastelle und Wachtürme. Diese Beobachtungen deckten sich mit den Nachrichten, die ihr die menschlichen Späher am Treffpunkt weiter im Norden übergeben hatten. Der Feind hatte innerhalb kürzester Zeit eine gewaltige Landmasse überrannt, allerdings nicht erobert. Es gab keine Besatzungstruppen. Natürlich hatten sie alles genommen, was ein Heerzug benötigt, natürlich war gebrandschatzt worden, natürlich waren ganze Dörfer und der gewaltigen, noch immer aufsteigenden Rauchfahne nach, zumindest Teile Kurals niedergebrannt worden, aber nichts war in Besitz genommen worden. Auch die Anstrengung verbrannte Erde zu hinterlassen, wurde offenbar aufgeschoben.

Eine Gruppe Plünderer hatte verhindert, dass sie so früh nach Süden abdrehen konnte wie sie es geplant hatte, also musste sie immer weiter nach Westen laufen. Die Strecke zu den Stellungen westlich von Rudnoy hatte sich so schmerzhaft verlängert, dafür hatte sie eine Spur gefunden. Nicht die Spur einer Person, eines Tieres oder einer Schar Marodeure, sondern die Spur eines Heeres.

Sie versuchte sich noch einmal das in Erfahrung gebrachte zu vergegenwärtigen. Nach der Niederlage am Blauspannpass hatten sich die Reste des koltischen Heeres nach Norden zurückgezogen und scheinbar geteilt, ein kleiner Teil zog nach Osten, in Richtung der Grenze nach Anguir und ein anderer, weitaus größerer Teil war nach Westen gezogen, in einen Bereich aus dem es seid Wochen keine Nachrichten gegeben hatte, einem Bereich den sie nun zu Fuß durchquerte. Es war nicht so gewesen, dass keine Späher unterwegs gewesen waren oder Magier versucht hätten die Gegend zu erkunden, aber die Versuche waren fruchtlos geblieben und in Anbetracht der zu diesem Zeitpunkt bereits anstehenden Schlacht auch unbeachtet.

Das Heer war groß, so viel konnte sie bereits nach wenigen Sekunden sagen. Es war viel größer als die verbleibenden Verbände des Heeres, das auf Laikeria- Stadt zu marschiert war, es sein dürften. Es war ein zweites Heer, welches sich kaum damit aufhielt zu plündern, sondern schnell marschierte. Und es bewegte sich nach Südwesten, in Richtung der Narbe.

Die sogenannte Narbe, das Überbleibsel des Kataklysmus, eine schier Bodenlose Schlucht um die sich mannigfaltige Gerüchte ranken, war durch die Kunstfertigkeit laikerianischer Architekten längst kein unüberwindliches Hindernis mehr, es gab verschiedene riesige Brücken, die sie überspannten. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Kunstfertigkeit eine Infrastruktur zu schaffen, welche auf dem Kontinent Ihresgleichen sucht, einem Feind nun ermöglichte sich in ungeahnter Geschwindigkeit zu bewegen. Als sie sich dem Heerwurm soweit genähert hatte, dass sie den Staub der Nachhut in der Luft schmecken konnte, war sie sich sicher was das vorläufige Ziel der Kolten war. Das Kartenmaterial, welches sie sich hatte einprägen müssen erwies dabei erneut unschätzbare Dienste. Morum, einer der großen Häfen Laikerias am Nornesund. Es konnte keinen Zweifel geben, doch wohin dann? Mit dieser Frage mussten sich andere beschäftigen, sie hatte mehr in Erfahrung gebracht, als ihr Auftrag gewesen war. Nun galt es nur noch die Informationen zu denen zu bringen, die etwas damit anzufangen wussten. Die Werften von Morum mussten unbrauchbar gemacht werden, und wenn sie schnell war könnte vielleicht noch die Brücke abgerissen werden, aber sie bezweifelte, dass sie schnell genug dafür war.

Ein Geräusch hinter ihr ließ sie aus ihren Gedanken hochfahren, im Reflex griff sie nach dem Bogenköcher, den sie längst abgelegt hatte um weniger Gewicht tragen zu müssen. Ein Blick über ihre Schulter ließ sie erschauern. Weniger als 100 Schritte hinter ihr spiegelte sich die rote Sonne auf den Linsen von Masken hinter denen sich die verzerrten Fratzen der Fußsolddaten Koltes verbargen. Sie zählte fünf Gestalten, die sich auf überlangen Beinen gebückt aber erschreckend schnell fortbewegten, über ihren Schultern ragten die Stiele von Wurfspeeren auf. Diese nahmen nun, da sie erkannten entdeckt worden zu sein, eine noch schnellere Geschwindigkeit auf. Die Soldaten schienen ihr Äquivalent zu sein, gezüchtet als Späher oder besser zur Abwehr von Spähern. Zur Jagd nach Leuten wie ihr! Die Dinger mussten in einem der vereinzelten Gebäude gelauert haben.

Sie verfluchte im Stillen die ebene Plane direkt vor ihr und wechselte ihre Richtung minimal, um auf eines der verstreuten Wäldchen zuzuhalten. Ohne dass sie ihren Vorsprung vergrößerte, konnte sie, so wie die Dinge jetzt lagen, ihnen niemals entkommen. Sicht in die Ferne und lange Beine waren gut auf freien Flächen, aber ob diese ihnen auch im Unterholz nutzen würden? Falls das der Fall war…nun ja, dann wäre es auch egal.

Sie begann alle Regeln für Läufer aufzugeben, als sie ihrem Körper das letzte Abverlangte. Sie trieb ihn hektisch voran, der rhythmische wich einem kurzen stoßweisen Atem und sie wurde erneut an ihre Beine erinnert, denen sie zu wenig Ruhe gönnte. Das Pferd, ja das Pferd. Ob es einen Namen hatte? Ein Blick zurück verriet ihr, dass die Wesen aufschlossen.

Der Waldrand lag noch ungefähr einen halben Kilometer voraus. Sie schmeckte etwas Metallisches in ihrem Mund. Kein gutes Zeichen für eine Läuferin. Die Wahrheit war, dass sie wenn sie das Wäldchen erreichen sollte, nicht weiterlaufen konnte, um sich in Sicherheit zu bringen. Selbst wenn sie es zwischen den Bäumen Boden gutmachen konnte war die letzte Rast zu lange her. Ein Fehler, den sie nicht hätte begehen dürfen. Fehler, was hätte ihr Vater gesagt? Hundert Meter nur noch, eventuell konnten die Dinger nicht klettern, sie blickte zurück und bereute es sofort. Die vordersten beiden hatten ihre Speere bereits in den Händen und waren auf zwanzig Schritt heran gekommen. Sie begann Haken zu schlagen als der erste Speer sich neben ihr in die Erde bohrte. Sie rannte nun mit dem Blick nach hinten, um den anderen unweigerlich kommenden Geschossen ausweichen zu können. Wieder eines vorbei! Wo war der fünfte? Im toten Winkel zu der anderen Seite ihres Gesichtes? Sie stolperte und als sie nach vorne Blickte sah sie nur noch den Boden auf sich zukommen. Der Aufschlag kam nicht unerwartet aber dennoch hart, sie hatte kaum die Zeit gehabt beide Arme nach vorne zu bekommen. Tränen schossen ihr in die Augen und sie sah den Wald vor sich nur verschwommen und in tiefem blau. Beim Versuch ihr sich aufzustehen bemerkte sie, dass ihr linkes Bein taub war und pochte. Eines der Wurfgeschosse wahrscheinlich. Ihre Ohren rauschten und durch die Nase sog sie nur ihr eigenes Blut ein, was ein Würgen verursachte, welches auch scheinbar Erdbrocken aus ihrem Mund beförderte. Blind, taub, lahm und würgend. Sie hätte sich umdrehen und kämpfen sollen. Sie schloss die Augen.

Es kehrte Ruhe in sie ein. Die Schmerzen, die sie haben müsste sollten sie jetzt nicht begleiten. „Keine Schmerzen!”, murmelte sie zu sich selbst. Das Mantra hatte ihr oft geholfen und sollte ihr nun einen letzten Dienst erweisen. „Keine Schmerzen!”.

Ein Murmeln Drang zu ihr durch, doch sie sperrte die Bedeutung der Worte aus. Der Ruck an ihrem Bein ließ vermuten, dass sich die Kreatur ihre Waffe wiedergeholt hatte. Der Druck oberhalb der Wunde verwunderte sie jedoch. Als sie dann die Augen öffnete blickte sie direkt auf mehrere Füße in Sandalen. „Keine Sorge wir haben es gleich.”, sagte jemand. Eine unharmonische Stimme, die einfühlsam wirken wollte, eine Menschenstimme. „Keine Widerhaken, eine saubere Wunde”, das war jemand anderes. „Gargan Mamercus Catius, zweite Späheraliquod, drittes Agmen, zweite Kohorta, vierte Manus, 50.Legion”, schnarrte die erste Stimme herunter, „Ich nehme an, dass du eine Geschichte zu erzählen hast?”