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Lentusk, Teil 3 − Bucht von Lirkul

In der Hafenkommandantur von Lirkul, an der Bucht von Lir, ging es drunter und drüber. Nachdem der Export von „kriegswichtigen Gütern” in verschiedene Länder von offizieller Seite erlaubt und durch die Senkung von Zöllen gefördert worden war, gaben sich die Händler und Unterhändler, die Kapitäne und Offiziere die Klinke in die Hand. Baroslaw Nikolaus Zabrenjow, seines Zeichens Seegüterkontrolleur für Gefahrengut und Sonderbeauftragter für Seuchenkrankheiten hatte soeben eine Aufforderung erhalten, den Holk, der unter dem Seuchenstande seit zwei Tagen nahe der Hafeneinfahrt ankerte, zu requirieren. Der Absender war die Firma Stahlprom, ein Rüstungsschmiedenkonglomerat mit Verbindungen zum Militär und angeblich sogar zum Zaren. Der Text beinhaltete die Aufforderung zur Requirierung, Paragraphen die das Ganze angeblich legitimierten, eine Erklärung, warum das Frachtschiff angeblich die Einfahrt erschweren würde, wie es viel kriegsdienlicher als jetzt wäre und einen Vorschlag über den Umgang mit dem Schiff. Es solle zur „Desinfektion” der Firma Stahlprom übergeben werden. Jene würde sich großzügig darum kümmern und das Schiff nach Abschluss „umgehend” wieder an den Besitzer, übrigens den Kapitän, welcher sich an Bord befand, zurückgeben. Es folgten noch Beispiele nach denen hoheitliche Aufgaben bereits zuvor an Privatunternehmer übergeben worden waren und einige Andeutungen über den Umfang der Bestechungsgelder, die im Falle der Ausführung fließen würden.

Selten waren Schiffe so wertvoll, dachte Baroslaw bei sich. Dann dachte er an den Kapitän der Holk. Er hatte diesen bei einigen Gelegenheiten getroffen. Ein klassischer Seebär, der kaum mal eine Woche am Stück auf dem Land verbringen konnte, ohne unruhig zu werden. Er hatte eine hübsche junge Frau bekommen können, die es sich in der Stadt gut gehen ließ, während der Mann unterwegs war. Baroslaw fand, dass dies eine gute gegenseitige Übereinkunft war. Natürlich setzte sie ihm Hörner auf, aber er ihr auch... immer wenn er in See stach. Wenn er daheim war, war sie freundlich zu ihm und sie hatte ihm zwei gesunde Kinder geboren. Wenn er das Schiff requirieren ließ würde er, so er denn nicht schon an der Seuche an Bord seines Schiffes gestorben war, sein Schiff ohne Zweifel nie wieder bekommen. Die Firma würde das pro cedere in die Länge ziehen, bis er bankrott war. Eventuell würden sie ihm danach ein Patent als „Vertragskapitän” auf seinem ehemals eigenen Schiff anbieten, schließlich kannte er es am besten.

Bevor er ernsthaft darüber nachdenken konnte, auf das Angebot einzugehen, musste er sich jedoch vergewissern was exakt auf dem Schiff vor sich ging. Es war erst vor knapp über zwei Wochen mit Zielhafen Morum in Laikeria ausgelaufen und dann offensichtlich umgekehrt. Es war noch keine Nachricht über die Situation an Bord zu ihm gekommen und er wusste, dass wenn er sichere Informationen wollte, er sich selbst darum kümmern musste. Er seufzte und machte sich auf den Weg.

Als die Schaluppe längsseits zu der größeren Holk ging wusste Baroslaw bereits, das etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Niemand hatte auf sein Rufen geantwortet und es war kein Betrieb an Deck. Er konnte sich denken was dies bedeutete und schluckte schwer. Krankheiten an Bord waren furchtbar, wenn man nicht das Glück hatte, einen fähigen Bordarzt zu haben und leider schlossen sich diese Begriffe kategorisch gegenseitig aus. Pfuscher, Alkoholiker und gesuchte Verbrecher waren deutlich eher dazu bereit, ihr Leben an Bord eines Schiffes zu verbringen als brauchbare Mediziner. Er legte eine Pestmaske an, zog sich die Handschuhe über und ließ, nachdem er seinen weiten Teerumhang angelegt hatte diesen an den Handgelenken zubinden. Dann nahm er seinen Peststab an sich und begann an einem Kletternetz, das glücklicherweise ausgelegt war, empor zu klettern. An Deck konnte er den eindeutigen Geruch von Verwesung wahrnehmen, aber noch keine Leichen sehen. Er konnte erkennen, dass die Takelage nicht ordentlich verschnürt war. Das Steuer war ebenfalls nicht blockiert worden und schlug in der Strömung hin- und her. Bevor er sich auf die Suche nach der Mannschaft machte tat er was jeder, der etwas über einen Vorgang an Bord wissen wollte, zu tun hatte: Er ging zur Kajüte der Kapitäns und schaute in das Logbuch.

In der Kajüte angekommen erwartete ihn nichts Ungewöhnliches. Das Bett des Kapitäns war in einen Stoffschleier, der von der Decke herabhing, gehüllt und er konnte erkennen, dass eine reglose Person darin lag. Als diese auf ein Ansprechen nicht reagierte wandte er sich dem aufgeschlagenen Logbuch zu und suchte nach Einträgen kurz vor dem Auslaufen aus Lirkul. Schnell hatte er sie entdeckt und begann zu lesen:

2. Tag Wetter: klar; Wind: böig SSW; ~11°C

Ladung nachgezurrt, Leibstrafe: Vollmatrose Iljia Wlochin wg. Trunkenheit, beginnen wie erwartet gegen den Wind zu kreuzen

3. Tag Wetter: klar; Wind: Flaute; ~8°C

Flaute den ganzen Tag

5. Tag Wetter: klar; Wind: leicht W; ~6°C

Rauch am Horizont, bei Prüfung nichts zu finden außer Trümmern und Leichen; Trümmer aufgenommen zur späteren Identifizierung wenn möglich; Möge sich ein Gott ihrer Seelen erbarmen. Bereitschaft am Waffenschrank eingerichtet wg. Piratengefahr.

6. Tag Wetter: bewölkt; Wind: leicht W; ~3°C

2 Paar Segel am Horizont, leicht südlich, viel Rauch im Norden auf laikerianischem Boden, ändern Kurs auf südlichere Route; kurz vor Dunkelheit kommt ein Paar Segel wieder in Sicht, es setzt sich auch auf unseren Kurs und scheint unter vollen Segeln unterwegs

7. Tag Wetter: Nieselregen; Wind: böig NW; ~4°C

Verfolger hat in der Nacht aufgeschlossen, da Mannschaft in Sorge Waffenausgabe an Offiziere; Nachmittag zu erkennen: Keine Farben gehisst und Segel voraus; Später Abend: Entgegenkommendes Schiff: Keine Farben gehisst; Beides Galeeren oder Galeassen; Ausweichen in der Dunkelheit geplant...

Baroslaw wusste das dies eine äußerst kritische Situation war. Zu diesem Zeitpunkt musste das Schiff bereits in den „Hals” der Bucht eingefahren sein, somit gab es bei je einem unbeflaggtem Schiff von vorn und einem von hinten kaum ein Entkommen, insbesondere wenn der Wind schlecht war und die Verfolger Ruder hatten. Auf offener See wäre er ihnen sicher entkommen. Dass es Piraten oder Freibeuter waren, daran bestand kaum ein Zweifel, niemand fuhr in Kriegszeiten ohne Beflaggung, wenn nicht in feindlicher oder zumindest zweifelhafter Absicht. Und kein Land verwendete hier in der Nähe galeerenähnliche Schiffstypen, außer ihren Verbündeten. Er fragte sich, wie die geruderten Schiffe wohl an dem laikerianischem Geschwader, dass die Zufahrt zur Bucht kontrollierte vorbei gekommen sein könnte. Ein Manöver zum Kurswechsel mit Land so nah anbei war in der Dunkelheit schwierig, aber der Kapitän kannte die Gewässer, somit könnte ihm dies wohl gelingen.

... Nach Einbruch der Nacht volle Segel und Lichter an Bord gelöscht; Wind dreht in der Nacht: endlich mehr Fahrt; Kurswechsel 45o Nord; kreuzen eng; Nach 3 Stunden Fahrt: Korrektur auf Generalkurs West; um 3 Uhr Rudergeräusche Backbord voraus, das entgegenkommende Fahrzeug hatte ebenfalls nach Norden abgedreht, aber glücklicherweise zu knapp; totales Sprechverbot an Bord; Schreibe unter Deck; bin zu alt für so etwas

8. Tag Wetter: Regen; Wind: schwach W; ~4°C

Bei Tagesanbruch beide Segel achtern auf Verfolgungskurs; wenn wir nicht an Fahrt gewinnen werden sie uns dank ihrer Ruder gegen Nachmittag einholen; Entscheidung: Gewicht verlieren, Verbrauchsmaterial geht über Bord

Selber Tag, Mittag:

da es nicht auffrischt: Entscheidung: Gewicht verlieren: Verpflegung

Es ist zu erkennen, dass es sich um zwei schnelle Galeeren laikerianischer Bauweise handelt; Neues Ziel: Hafen von Ymsk

Selber Tag, Nachmittag:

da es nicht auffrischt: Entscheidung: Gewicht verlieren: günstige Ware (vgl. Bordliste); Verdammt, Verdammt, Verdammt!

Vollmatrose Potjekinowitsch verlangt im Namen der Mannschaft alle Ware abzuwerfen, da könnte ich gleich hinterherspringen! Ich habe die Entscheidung bis in den Abend aufschieben können.

Selber Tag, Abend:

Wind aus O kommt auf. Ich danke allen Göttern die zuhören. Die Galeeren waren bis ¼ Meile herangekommen, jetzt halten wir die Distanz

Wind wird stärker, Leuchtfeuer von Ymsk nicht zu erkennen; wir erhöhen vermutlich den Abstand

Selber Tag, Nacht:

Sturm aus SO kommt auf; die Ladung ist nicht mehr gut ausbalanciert, lasse nachbessern so gut es eben geht

Der Sturm trägt uns voran, ob wir wollen oder nicht, wir müssen Ymsk verpasst haben und können es uns nicht leisten die Segelfläche weiter zu kürzen als jetzt. Es sind Stimmen im Wind, zischend und klackend, wie ein schwellender Gesang. Ein grünliches Licht scheint von der sheldirischen Küste auszugehen und es ist, als käme der Sturm direkt von dort.

Viele Positionslichter voraus, evtl. das Verbündete Geschwader

Die Segel reißen, wir können niemanden mehr in die Wanten schicken, um sie einzuholen. Die Stimmen erreichen ein Crescendo. Dies ist unnatürlich! Der Sturm hat gewaltiges Ausmaße angenommen, allein die Götter mögen uns nun zu helfen.

Sturm legt sich wir hatten eine Kollision, Status: kleines Leck abgedichtet; 2 Mann (Vollmatrose Iljia Wlochin, Halbmatrosin: Petra Gananwinskaja) über Bord gegangen; keine Suche eingeleitet. Vergebt mir. Wir sind mitten in einen Lastkahn ohne Positionslichter gescheppert, bei dem eine durchgängige Bretterkonstruktion das Deck bedeckt, selbst der Mast wurde gekappt. Keine Besatzung an Bord. Herkunft: Morum, zerfetzte Teile zweier dicker Taue laufen an Bug und Heck quer über das Schiff. Wir sind jetzt mitten in den Positionslichtern, die wie wir vom Sturm zerstoben werden. Gelegentlich sind Rufe und Stimmen um uns, aber wir verstehen die Sprache nicht.

Nach allem was ich weiß hätten wir diesen Sturm nicht überstehen können. Es scheint, dass wir als einziges Schiff weit und breit noch fahrtüchtig sind, irgendwer war mit uns!

9. Tag Wetter: Schwere See; Wind: stark aus W

In der Morgendämmerung erkenne ich was um uns herum ist, aber ich verstehe es nicht. Dutzende Lastkähne aus Morum treiben führungslos und teils sinkend hier im engsten Punkt der Meerenge zwischen Sheldiria und Laikeria. Viele sind an die Ufer gedrückt worden. Wir sind mitten in einem Trümmerfeld! Der stete Gegenwind verhindert das gerade durchfahren der Meerenge und kreuzen ist hier nicht möglich, wir schlingern mehr als das wir fahren. Am Nordufer sind Gestalten, aber hier ist nicht an ein Anlanden zu denken. Die Galeeren sind nicht in Sicht. Es scheinen auch Schiffe aus Lentusk dabei zu sein.

Selber Tag, Morgens:

Befehl zum Wenden. Kurs Lirkul

Wir haben eine Leiche zwischen den Trümmern geborgen, um mehr Aufschluss zu erhalten. Wir sind nicht sicher was es genau war, doch die Zeichen waren eindeutig. Dunkle Runen waren in das vom Meer erweichte und pockenübersäte Fleisch geritzt und ein Zeichen stach unter allen anderen hervor: Mogasz, Herr der Krankheit und des Verfalls wurde im Sein dieser Kreatur gehuldigt. Wir warfen ihn umgehend wieder über Bord. Ich weiß nun auch was es mit den Schiffen auf sich hat: Pontons. Pontons für eine gewaltige Brücke nach Sheldiria. Die Schiffe müssen teils von Morum aus um die Halbinsel gebracht worden sein, um hier als Brücke zu dienen. Andere, von Lenstusk und Ymsk, wurden denen beigefügt. Es ist eine Brücke für eine Armee. Doch der Sturm hat das gewaltige Projekt zerschlagen, wie ein göttlicher Hammer. Fast schade, dass die Brücke scheinbar noch nicht in Verwendung war als sie niedergerissen wurde.

10. Tag Wetter: klar; Wind: stark W; ~5°C

Wir haben eine Krankheit an Bord. Die Seeleute, die den Leichnam aus dem Wasser gefischt haben klagen über Mattigkeit und hohes Fieber. Wir haben sie isoliert und hoffen für sie und uns. Wir sehen im Norden Rauchsäulen aufsteigen. Auch diese bewegen sich nach Osten. Das Heer scheint sich ein neues Ziel gesucht zu haben...

12. Tag

Über die Hälfte der Besatzung ist erkrankt. Ich selbst spüre es ebenfalls in mir gären. Wer auch immer im Sturm seine Hand über uns hielt: Habe ein zweites Mal Mitleid! Der Krankheitsstander ist gesetzt, hoffentlich erreichen wir Lirkul zeitig.

Das war der letzte Eintrag. Baroslaw atmete einmal tief ein und aus. Dann blickte er auf die große Karte in der Kajüte des Kapitäns. Ein Ziel für ein Heer, östlich von Ymsk... sein Blick glitt auf das Ländereck südlich von Rulos: Lir, Urs Sanktum, Rulos ... dann blieb der Blick an einem Namen hängen von dem er vor kurzem hörte, dass dort etwas Ungewöhliches vor sich ging, ein Name in den Grenzen Verlillions: Murel.