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Der Marsch auf Murel

Der Feind hatte die Grenzen von Lir überquert. Obschon der Zar und die Fürsten wussten, dass er kommen würde und Berichte darüber erhalten hatte, wie er in Laikeria, Anguir, an den Grenzen Borbanos und Gerüchten zufolge inzwischen sogar in Haralin vorging, hatte keiner derer Militärs sich wirklich darauf einstellen können.

Laikeria war es nicht gelungen, diesen Heerzug zu bremsen, der den kompletten Weg von der Eisbrücke bei Luruk, über Morum, über die See auf die Lenstusk Halbinsel hinab marschiert war. Die Kraft des Imperiums konnte nur ein anderes Heer stoppen, das auf die Hauptstadt marschiert war. Ein Ablenkungsmanöver gigantischer Ausmaße? Das Heer, das nun in Lir stand, hatte im Handstreich eine ganze Flotte von Küstenseglern erobert, genutzt, um das Heer überzusetzen, um die Halbinsel geschleppt und auf der anderen Seite als Pontonbrücke vertäut. Erst das Aufkommen eines Sturms hatte ein Übersetzen nach Sheldiria verhindert. Dann hatte das Heer die Richtung geändert und war nach Osten marschiert. Ohne dass die Flotte oder das Heer Lirs etwas dagegen unternehmen konnte, hatte das Heer einige Tage nahe des Länderecks zwischen Lir, Rulos und Laikeria gehalten und abgewartet bis eine Schwarze Galeere ankam. Etwas wurde ausgeladen und dem Heerwurm angegliedert, dann zog er weiter und überquerte die Grenze nach Lir.

Experten hatten diverse mögliche taktische Ziele ausgemacht, doch diese Ziele konnten für die Bojaren, die vom Zar zusammengerufen worden waren, nur nachrangige Bedeutung haben. Sie waren zusammengekommen, um das zu tun, was ihren Adel rechtfertigte: Sie sollten das Land vor Feinden schützen. Doch es waren wenige. Das Heer war nach Norden, nach Laikeria marschiert, als die Absichten Koltes noch unklar waren. Es war nicht zeitig zurückgerufen worden. Es gab wenige Bauern die geblieben waren und in Dienst genommen werden konnten, zu groß war die Welle der Angst, die dem koltischen Aufgebot voranging.

Sie konnten sich nicht zu Feldschlacht stellen, doch die berittene Garde des Zaren, die Söhne des Adels, die Flügelreiter, sie würden den Feind nicht durch ihr Land ziehen lassen. Es konnte nicht sein, dass sie sich frei bewegten, als würden sie dies Land bereits beherrschen.

Ihres Zeichens schwere Lanzenreiter in Schienenpanzern, die ein großes Flügelpaar aus Schwanenfedern auf dem Rücken trugen, waren die Flügelreiter die Elite der Armee Lirs. Sie überfielen die Vorhut und ritten Monstrositäten aus den eisigen Öden nieder. Sie überfielen die Nachhut und zerschlugen Kontingente von Mutanten. Doch vielleicht das wichtigste,das erreicht wurde, ist, dass der Feind sich schlecht versorgen konnte, denn ihm fehlte die Beweglichkeit der Lirer Reiterei. Doch jedes Mal blieben Männer auf dem Feld und der Zug der Feinde blieb noch immer groß. Wie zum Hohn wurden die Flügel der Gefallenen Monstren aufgesetzt. Unsere Lehre muss lauten: Auch dieses Heer kann bluten!

Doch die Probe des Mutes des Lirer Adels endete. Der Feind zog in direktem Marsch in Richtung der verillionischen Grenze. Die Strategen setzten sich erneut zusammen und erklärten, dass nun nur noch Murel, Tulderon oder Aklon Stadt als logische Ziele in Frage kämen.

Die Königin Emireé erbat sich die Erlaubnis, ihre verbleibenden Truppen bereits jenseits ihrer Grenze gegen den Feind zu werfen, und räumte den Korridor zwischen der Grenze und Murel von brauchbarem. Einzig die Feste Teslad wurde besetzt gelassen und auch hier wurden so wenig Nahrungsmittel wie nötig eingelagert, um dem Feind das Vorankommen zu erschweren.

Aufgrund der anderen Truppentypen entschieden sich die verillioner Kommandeure dafür, dem Heer eine Schlacht anzubieten. Denn da auch Verillion große Mengen von Soldaten bereits in Anguir hat, verblieben maßgeblich Garden und Leibgarden, wie beispielsweise die Kardinalsgarde. Diese sollten den Gegnern begegnen, Nutzen aus ihrer Überlegenheit als Einzelkämpfer gegenüber den Fusssoldaten des Feindes ziehen und sich dann lösen, um das Manöver an anderer Stelle zu wiederholen. Doch in diesem Falle versagte die Strategie. Wie erhofft konnten sie ein Gefecht zu guten taktischen Bedingungen erzwingen und die Fusssoldaten des Feides, also maßgeblich Mutanten, konnten dezimiert werden. Doch angestachelt durch die ersten Erfolge wurde der Befehl zum Rückzug zu spät gegeben. Die schwereren Einheiten und angeblich selbst einige Kolten trafen mitten in das Gewimmel einer Schlacht, die sich aus Einzelkämpfen zusammensetzt. Dort starben die Chevaliers jeder für sich. Als das Signal zum Rückzug kam, war klar, dass es kein zweites Gefecht geben würde. Unsere Lehre lautet: Die Fusssoldaten können auch von beherzten Einzelnen geschlagen werden. Sie sind nicht mehr wert im Kampf als wir!

Nun hätte der Weg nach Murel, so sie die Festung Teslad nicht angreifen, für das Heer frei sein sollen. Und die Erfahrung lehrt uns, dass der Feind zielstrebig ist. Doch es kam zu einer Verzögerung, die für unsere Vorausposten unerklärlich war. Wir entsandten darauf hin Späher, die uns folgendes Bild der Situation feststellen ließen:

Vor wenigen Nächten hat der Feind in der Dämmerung ein langgezogenes Tal durchschritten. Die Vorhut wurde jedoch, nachdem sie das steile Ende durchschritten hatte abgeschnitten. Als die Nachricht die Hauptmacht erreicht hatte, war diese auch schon gänzlich ins Tal eingezogen und auch am Ende schien es zu Problemen und mangelnder Funktionalität der Befehlsketten gekommen zu sein. Dann erfolgte ein Angriff auf die Hauptmacht, doch der Hergang ließ sich nicht exakt rekonstruieren. Was es gibt sind die Indizien, die zurückgelassen worden waren.

Am Abend und in der Nacht der Geschehnisse berichten die wenigen Menschen, die wenige Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt gewesen waren davon, dass diese Nacht geradezu unnatürlich dunkel gewesen war. Sämtliche Wasserstellen in diesem Tal sind vergiftet worden und vieles was trinken muss, ging an daran zu Grunde. Es wurden Leichen gefunden, die keine offensichtlichen Verletzungen hatten, doch bei näherer Begutachtung wurden kleine Pfeile entdeckt, die scheinbar ebenso vergiftet worden waren. Es wurden große Orks aus dem Norden gefunden, denen mit einem brutalen Schnitt die Kehle geöffnet worden war. Es wurden für den Kampf gezüchtete Tiere gefunden, die sich, scheinbar in wilder Raserei, gegeneinander und gegen ihre Tierführer gewendet hatten. Es wurden menschengroße Kokons gefunden, bei denen ein einzelner blutiger Fleck darauf hindeutete, dass, wer oder was auch immer darin eingesponnen war, tot ist. Ich mache den Spähern keinen Vorwurf daraus, dass sie diese Kokons nicht geöffnet hatten. Fürderhin wurden mehrere Ritualstellen gefunden, an denen dunkle Kessel mit undefinierbarem Inhalt zurückgeblieben waren. Die Männer haben jene vergossen. Es wurden Trichter im Boden gefunden, deren Ränder so beschaffen waren, dass für den, der hinein gleitet, kein Halten mehr gab. Aus dem Boden eines dieser Trichter ragte angeblich sogar noch ein Arm, dem, als die Männer ihn mit einer Schlinge geborgen hatten, der Körper fehlte. „Sauber abgebissen“, war der Wortlaut, glaube ich. Und es wurden Spuren gefunden, die auch die Erfahrensten nicht zuzuordnen wussten. Spuren von plötzlichem Kampf großer Kreaturen inmitten des Heeres. Verbrannte und vergiftete Erde getränkt von schwarzem Blut.

Doch das bemerkenswerteste habe ich mir zum Schluss aufgehoben. Es scheint, dass der vordere Ausgang des Tals von einem gewaltigen Spinnennetz verschlossen worden war. Als es inspiziert wurde, war es zwar zerschnitten, doch mehrere Tote zeugten davon, dass die Besitzerin oder die Besitzerinnen es nicht freiwillig hergegeben haben.

Unsere letzten Lehren lauten: Dieser Feind meines Feindes kann niemals unser Freund sein, aber seine Taten können willkommen geheißen werden. Kolten sterben! Wir wussten es bereits, doch die Späher berichteten von mindestens drei toten Kolten unter den Leichen. Macht es euch bewusst!

Wir haben zweierlei Aufgaben. Die erste ist Murel! Das, was drinnen liegt, darf laut dem Rat von Farnau dem Feind nicht in die Hände fallen, und unsere besten Köpfe arbeiten rund um die Uhr daran, die letzten Puzzelsteine für unser Eindringen in die verfluchten Mauern zusammen zu setzen. Das zweite ist das Heer, das auf uns zuhält. Ich würde gerne eine Aufgabe nach der anderen erledigen, aber dies ist kein Wunschkonzert meine Herren und Damen Offiziere. Die Eierköpfe haben vielleicht drei Wochen, ihren Auftrag zu erfüllen, beten wir zu Ulthor, dass es ihnen gelingen möge.

Das Heer, das auf uns zu marschiert, ist nicht aufgerieben, aber es schmilzt wie ein Eisberg in der Sonne. Wir wollen also ein Feuer zu seiner Begrüßung entfachen.

Ansprache von Graf Thomas von und zu Mittental, Kommandeur des Mittentaler Lehensaufgebotes zu Murel, zu seinen Rittern und Offizieren