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Chronik eines Desasters

Ritter Hartmut von Schwalbingen stand mit größtmöglichem Abstand zu seinem Dienstherren und blickte den abziehenden Tornumer Truppen missmutig hinterher. Er starrte auf die breite Schneise aufgewühlten Matsches, die Pferde, Füße und Trosswagen hinterlassen hatten.

Ritter Schwalbingen unterstand Graf Siegmar von Remmer, der im Auftrag des Königs das Feldlager für die eintreffenden Lehensaufgebote der Herzöge zu organisieren hatte. Schon damals wußte keiner, gegen welchen Gegner der König eigentlich in den Krieg ziehen wollte. Es gab eine Vielzahl von Gerüchten und Möglichkeiten, aber keine klaren Informationen. Die Heerschau war ein Desaster. Der König hatte getobt, geweint und das Problem in den letzten Monaten einfach ignoriert, ohne den Sammelbefehl aufzuheben. Zwar konnte Graf Siegmar nichts dafür, daß die Hälfte der Herzöge zu wenige Truppen sandte und andere gar nicht erschienen waren. Doch sein Stern sank trotzdem. Es ist nie gut, wenn der eigene Name mit einem Misserfolg in Verbindung gebracht wird. Deshalb hielt Ritter Hartmut Abstand zum Grafen und hoffte, daß der Misserfolg nicht auch an seinem Namen hängen bleiben würde.

Als der Herzog von Tornum im vergangenen Jahr Ende des Sommers als erster mit seinen Truppen, flatternden Bannern und Wimpeln dem Aufruf des Königs gefolgt und mit einer stattlichen Truppe zum Kriegsrat erschienen war, sah das noch anders aus. Fast 6000 Männer und Frauen hatte Tornum geschickt, davon über 400 Ritter und viele erfahrene Fußknechte. Alle staunten damals. Tornum musste so ziemlich jeden Ritter seines Herzogtums und den größten Teil der wehrfähigen Männer und Frauen, die nach der Dunklen Bedrohung noch übrig geblieben waren, zusammengekratzt haben. Man fragte sich, ob wohl goldene Zeiten für die Tornumer Straßenräuber anbrachen, denn wer sollte sie im tiefen Süden noch in ihre Schranken verweisen?

Nach Tornums Truppen kam Crysofas mit einem kleineren Aufgebot, und versicherte dem König, daß es wenig ratsam sei, das Hinterland völlig zu entblößen. Klant erschien mit einiger Verspätung und mit nur ein paar Dutzend Rittern und einigen Hundert Rekruten. Die Herzogin von Raenna entsandte einen ihrer Söhne mit einer Vorhut und der Nachricht, daß sie selbst später mit den restlichen Truppen nachkommen werde, woraus aber bis heute nichts wurde.

Schareck schickte zwei Kompanien verilionischer Söldner anstelle seines Lehensaufgebotes. Er ließ ausrichten, daß er nach den schweren Verlusten während des Krieges gegen Kolte keine jungen Männer Scharecks mehr entbehren könne.

Camberion kam nur mit einem Haufen halbverhungerter Taugenichtse und so schlecht ausgerüsteter Bauern, daß man sich fragte, ob diese von irgendeinem Nutzen oder nur eine Belastung für das Heerlager sein würden. Er erklärte dem Reichsritter, der im Namen des Königs die Heerschau durchführen sollte, wortreich, daß nach den langen und entbehrungsreichen Kriegsjahren Camberion finanziell ausgeblutet sei und alle anderen Truppen an den Grenzen unabkömmlich seien, wenn man nicht eine Invasion aus den Orklanden provozieren wolle.

Aus Warall kam gar niemand. Die Herzogin Hiltrud entschuldigte sich mit Hinweis darauf, daß sie vom König persönlich mit der Belagerung Tulderons beauftragt sei und dieses Unterfangen alle verfügbaren Kräfte binde.

Der König sandte seine Reichsritter in alle Herzogtümer, um zu intervenieren und die vollständige Mobilmachung zu fordern. Es kamen Versicherungen, Ausreden und Bitten um Aufschub, aber keine Truppen.

Die Herzöge von Klant und Camberion ließen ihre Truppen zurück und reisten zurück in ihre Herzogtümer, die sie nicht so lange verlassen könnten und versprachen, zurückzukommen, wenn denn der Kriegsrat endlich stattfinden würde.

Die Tornumer und Crysofaser Ritter vertrieben sich den Herbst mit Turnieren, zu denen auch Prinz Konrad und die Ritter seines Reichsgarde-Regimentes häufig anwesend waren. Die Fußtruppen hingegen vertrieben sich die Zeit mit Beutezügen in der näheren Umgebung, denn die mitgebrachten Vorräte waren schnell aufgebraucht. Dörfer gingen in Flammen auf, Vieh wurde gestohlen und die ohnehin spärliche Ernte des Herbstes landete im Feldlager. Herzogin Genewin von Raenna, in deren Herzogtum die Heerschau stattfindet, beschwerte sich bei den Reichsrittern und beim König persönlich – ohne Erfolg. Die Soldaten des Heerlagers unternahmen immer weitere Fouragezüge. Am Ende kam es so weit, daß Herzogin Genewin ihre Soldaten aus dem Feldlager abzog und zum Schutz ihrer Dörfer abstellte. Es kam zu unschönen Scharmützeln zwischen den Raennischen Truppen und den plündernden Tornumern und Crysofasern bis die Herzöge schließlich einschritten und diverse Soldaten aufknüpfen ließen, die beim Plündern erwischt wurden. Das dämmte die Beutezüge ein, verschlimmerte aber den Hunger im Lager.

Als der Winter kam, verschwanden die Camberionischen Bauern vollständig und auch viele andere desertierten. Die verilionischen Söldner gingen, da der Sold 2 Monate ausgeblieben war.

Nun war es Frühling geworden und die Probleme, vor denen Ritter Hartmut von Schwalbingen stand, waren nicht kleiner geworden. Seit über einem Monat grassierte die Seuche im Lager. Sein Dienstherr, Graf Siegmar, hatte als Maßnahme gegen die Ruhr vor zwei Wochen die Latrinen zum Fluß verlegen lassen. Die ultorianischen Feldkaplane zogen morgens und abends mit Weihrauchschwenkern um den Latrinenbereich, um die schädlichen Ausdünstungen zu bekämpfen, wie sie sagten. Ritter von Schwalbingen hielt beide Maßnahmen für nutzlos. Er beobachtete einige Küchenjungen, wie sie neben den neu angelegten Latrinen am Fluß Wasser für die Suppe schöpften und freute sich schon auf die Suppe, auch wenn die immer dünner wurde.

Er selbst hatte Maßnahmen gegen die Seuche eingeleitet, die ihm viel sinnvoller erschienen. Er war wie viele andere auch der Ansicht, daß die Seche durch den bösen Blick ausgelöst wurde. Sicher hatte der Feind Spione eingeschleust, die mit schwarzmagischen Machenschaften die Seuche heraufbeschworen hatten. Jeden Tag wurden nun potenzielle Schwarzmagier und Hexen aufgehängt. Nun, viele waren wahrscheinlich unschuldig und wurden nur denunziert, aber wo gehobelt wird, da fallen Späne. Er hatte eine Seuche zu bekämpfen, da konnte er sich nicht lange mit Befragungen zur Wahrheitsfindung abgeben. Mit den Falschen wurden sicherlich auch die Richtigen aufgeknüpft.

Bisher wurde es allerdings immer noch schlimmer. Inzwischen starben jeden Tag Dutzende und mindestens ebenso viele verschwanden aus Angst vor der Ansteckung. Die Feiglinge. Dabei brauchte man doch nur sicherzustellen, daß man keinem mehr in die Augen sah –schon war man vor dem bösen Blick geschützt!

Selbst für Herzog Burchard von Tornum war der Ausbruch der Seuche der Tropfen, der das Faß zum überlaufen brachte. Die vielen Monate untätigen Wartens hatten ihn zermürbt. Als er nun selbst krank wurde, beschloss er, mit seinen Truppen abzuziehen. Aber nicht zurück nach Tornum, sondern nach Tulderon, um wenigstens dieses kleine Problem für seinen König zu lösen. Herzogin Hiltrud von Warall schien damit ja augenscheinlich überfordert.

Nachdem ihm Reichsritter Karl von Solling im Namen des Königs die Erlaubnis dazu gegeben hatte, war er nun heute Morgen mit den Resten seiner stolzen Truppe aufgebrochen. Weniger als 4000 waren noch übrig und irgendwie wehten selbst die Banner und Wimpel nicht mehr so zuversichtlich im Winde, wie sie es bei ihrer Ankunft taten.