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Des Bären letzter Ritt

Gernot und seine Waffenbrüder stürmen um die Felsnase, die ihnen bisher den Blick auf die schmale Schlucht verwehrte. Ihnen allen ist klar, dass es nur einen Ausweg aus dem Hinterhalt geben würde, in den die Hadraner sie gelockt hatten. Den Weg durch diese Schlucht. Leider ist er nicht so frei, wie sie alle gehofft hatten. Der Knall, mit dem sich der Schildwall der Hadraner Legionäre schließt, welche vor dem Eingang zur Schlucht Aufstellung genommen haben, schlägt Ihnen entgegen, noch bevor sie die Schwarzblauen sehen können. Ihr Sturmlauf kommt ungefähr zwanzig Meter vor der gegnerischen Einheit zum stehen und nicht nur Gernot versucht vor dem unvermeidlichen Kampf kurz zu Atem zu kommen. Links neben ihm stehen die Anguir Brüder, Kenneth und Finnigan. Auf seiner anderen Seite steht Anshelm. Gute Leute, mit denen er schon so oft Seite an Seite gekämpft hat, dass er es nicht mehr zählen kann. Anshelm ist genau wie er bereits seit zwanzig Jahren in Diensten Waralls und die Anguir Brüder sind inzwischen auch schon seit über fünf Jahren mit in der Truppe. Der Krieg hatte sie damals aus ihrer Heimat vertrieben und sie schlossen sich denen an, die ihrem ärgsten Feind, den verfluchten Hadranern, am meisten Probleme bereiteten, den Truppen Aklons. Außer ihnen sind noch vier andere dabei, die er nicht näher kennt und natürlich der Hauptmann. Alle anderen sind auf dem Feld welches hinter Ihnen liegt krepiert. Wer hätte damit rechnen können, dass die Hadraner die achte Legion schicken würden um ihre kleine Mission zu stoppen. Offenbar niemand, denn sonst wären sie wohl daheim geblieben. Nun steht ein volles Aliquot der gefürchteten achten Legion zwischen Ihnen und dem einzigen Ausweg aus dieser Todesfalle. Der Hauptmann spuckt aus. „Na denn Männer. Die oder wir. So ist es ja immer.“ Dann zieht er sein Langschwert und brüllt den Hadranern entgegen. „Für den König, für Warall“. Gernot packt seinen Streitkolben und sieht wie alle um ihn herum sich anspannen. Dann rennen sie los, direkt auf die Hadraner zu. Der Schildwall scheint unüberwindlich und dieser Eindruck verstärkt sich je näher sie dem Feind kommen. Dann treffen sie aufeinander. Gernot schlägt seinen Streitkolben auf den Schild eines Gerganes, immer wieder, neben ihm grätscht Kenneth in die Beine zweier Gegner und bringt zumindest einen von diesen zum Straucheln. Gernot sieht die Lücke und schlägt hinein. Sein Streitkolben trifft den Mann direkt in sein Visier und er wird förmlich aus der Schildreihe geschleudert, Anshelm wehrt einen Schwertstreich ab, der Gernot in die Seite getroffen hätte. Zwei Kurzschwerter graben sich ihren Weg in die Eingeweide von Kenneth. Der Preis für die Bresche wird mit Blut bezahlt. Finnigan dreht durch. Mit seiner Axt schlägt er abwechselnd auf zwei Schilde ein, während die beiden Gegner sich dahinter zu verstecken scheinen. Gernot springt einem Hadraner in die Seite und schlägt dabei nach den Knien seines Feindes. Der Streitkolben gewinnt diese Begegnung und der Mann bricht schreiend zusammen. Blut und etwas schleimiges spritzen Gernot ins Gesicht. Anshelm hat einem Mann den Kopf zertrümmert. Er lacht wie irre und wird von vier Gegnern umkreist. Gernot hechtet nach vorne und schlägt um sich sobald er auf die Beine kommt. Der Kopf des Hauptmanns rollt über den Boden. Auf den Beinen sind noch Finnigan und Anshelm. Alle anderen sind tot. Gernot könnte laufen und entkommen. Er tut es aber nicht. Mit einem Schrei stürzt er sich auf die Hadraner Rücken, die ihn scheinbar ignorieren, bis er ihnen seine Gegenwart mit Schlägen verdeutlicht. Schlag und tot, schlag und tot. Eine Ewigkeit später oder auch nur nach wenigen Augenblicken sind alle tot. Nur Gernot lebt. Gernot lebt und läuft in die Schlucht. Ruht in Frieden Kameraden.

Gernot erwachte in seinem Zelt. Der Regen prasselte auf das Zeltdach. Seine Kameraden schliefen noch. Etwas musste ihn geweckt haben. Er klärte seine Sinne und verdrängte die schlechten Erinnerungen an den Krieg gegen Hadran. Da draußen waren Soldaten in Bewegung. Eigentlich nichts Ungewöhnliches in einem Feldlager, aber hier vor den Toren Tulderons, mitten in der Nacht, eine eher seltene Geräuschkulisse. Er schwang sich auf und trat aus dem Zelt heraus. Seine Augen weiteten sich. Ein ganzer Heerzug schien sich den Weg durch ihr Lager gebahnt zu haben. Sein Blick fiel auf die zahlreichen Banner und Standarten. Der Bär von Tornum war offenbar gekommen. Bei einem zweiten Blick auf die vorderste Phalanx von Soldaten sah es ganz danach aus, als wäre es tatsächlich Herzog Burchhardt, der sich an der Spitze dieses Lindwurms aus Stahl und Leder, in das Hauptlager der Waraller Belagerungstruppen begeben hatte. Das konnte interessant werden. Das waren einige hundert Mann, die dort mit Lanzen Pferden und Schwertern hinter ihrem Lehnsherrn einmarschierten. Der Zug kam vor dem Zelt des Obristen zum stehen und ein schneidiger Offizier stieg von seinem Pferd ab und hatte kaum begonnen, mit den Wachen vor dem Zelt zu sprechen, da trat der Obrist auch schon aus diesem hervor. Er sah fürchterlich aus. Der Kürass saß schief, er hatte keinen Helm und sein Wappenrock mit dem Bullen von Warall, hatte sich unter Rüstung verklemmt. Vermutlich hatte er sich in aller Eile angezogen, als die Wachen die Ankunft des Herzogs von Tornum gemeldet hatten. Es war ein Bild aus zwei Welten. Gegen den Obristen sah der junge Offizier, wie aus einem Heldenbild entstiegen aus. Glänzende Rüstung, klarer Blick, groß gewachsen. Das Abbild eines Ritters. Der Obrist rieb sich mit der Hand über die geröteten Augen und Bartstoppeln. Dann schien ihm etwas einzufallen und er ließ sich vor dem alten Herzog, welcher immer noch auf seinem Pferd saß auf die Knie fallen. Dieser schien ihn kaum zur Kenntnis zu nehmen und mit viel Wohlwollen konnte Gernot ein leichtes Nicken erkennen. Er hatte den Herzog von Tornum noch nie vorher gesehen und er war erschüttert wie alt dieser Mann zu sein schien und hielt es nicht für unwahrscheinlich, dass seine Durchlaucht kaum mehr in der Lage war ein Pferd zu reiten. Wie auch immer. Er saß hier vor ihrem Obristen und wirkte nicht begeistert. „Euer Durchlaucht, ich verstehe nicht. Ich meine, wieso seid ihr..?“ Der Obrist stammelte und starrte unverwandt zwischen dem Herzog und dem Ritter hin und her. Der junge Offizier beendete seine verzweifelten Versuche die richtigen Worte zu finden. „Warum wir hier sind ist wohl offensichtlich. Um den Willen unseres Königs zu erfüllen. Warum ihr allerdings hier seid, dass ist mir ehrlich gesagt nicht ganz klar.“ Der Obrist fixierte nun den Ritter. „Und wer seid ihr?“ Der junge Mann lächelte spöttisch als er antwortete. „Ich bin Bernhardt von Erkenklamm, ein Enkel seiner Durchlaucht Herzog Burchhardts von Tornum und bevor ihr denkt es interessiere mich, wer ihr seid, seid versichert, es ist nicht von Bedeutung. Wir werden die Tulderoner Laus nun aus dem Fell Aklons entfernen. Eure Soldaten scheinen dazu ja nicht in der Lage zu sein.“ Man sah dem Obristen an, wie die Wut in ihm hochstieg. Er mochte in seinem momentanen Aufzug einen etwas lächerlichen Eindruck abgeben, aber Gernot kannte ihn als einen entschlossenen und kompetenten Mann, der es ganz sicher nicht gewohnt war, derart herablassend behandelt zu werden. Der Obrist räusperte sich. „Hat der edle Herr denn bereits mit der Gräfin von Habsberg gesprochen? Ihre Durchlaucht Herzogin Hildtrud hat ihr die Befehlsgewalt über den Belagerungsring gegeben. Ich kommandiere nur diese Lager.“ Nun lächelte von Erkenklamm nicht mehr. „Spart euch euren spöttischen Unterton. Wir hatten erwartet, dass sich hier jeder vor der Verantwortung drücken würde, deswegen haben wir der Gräfin bereits einen Boten geschickt. Sie wird im Interesse Aklons hoffentlich, genauso wie ihr, unseren Vorstoß unterstützen.“ „Euren Vorstoß? Was in Ultors Namen habt ihr vor? Die Mauern der Stadt sind bewacht und ihr habt kein Belagerungsgerät. Das ist Selbstmord“, konterte der Obrist offenkundig entsetzt.“ Der junge Ritter kniff die Augen zusammen und sein Gesicht drückte nun echten Abscheu aus. „Wir sind auf dem Weg zu euch an drei so genannten Belagerungslagern vorbei gekommen. Die Abstände zwischen den Posten sind viel zu groß, die Tulderoner könnten Viehherden durch diese möchte gern Absperrung treiben. Davon abgesehen sind kaum Wachen aufgestellt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Tulderoner euch nicht bei einem Ausfall alle erschlagen würden, bevor ihr euch von euren Liegen erhoben habt. Das ist keine Belagerung, dass ist eine Beleidigung und ihr und eure Gräfin und ja, auch Hildtrud von Warall können sicher sein, dass der König davon erfahren wird. Ihr mein lieber Kommandant, werdet jetzt nur eines tun. Ihr werdet eure Männer aufrüsten lassen und euch zum Haupttor begeben. Dort werdet ihr einen Scheinangriff auf diese von Bäckern und Krämern verteidigte Mauer durchführen. Wir werden währenddessen Leitern an die Ostmauer stellen und diese erstürmen. Unsere Männer und Frauen sind erfahrene Soldaten und sie werden diese Verräter von ihrer Mauer fegen und diesen Sündenpfuhl mit dem Schwert der Vergeltung im Namen des Königs ausbrennen.“ Die letzten Worte hatte von Erkenklamm geschrien und Speichel sprühte dem Obristen ins Gesicht. Dieser zeigte keine Reaktion. Nach einer kurzen Schweigepause entgegnete er. „Nun gut. Ich werde mich mit der Gräfin abstimmen und meine Leute bereit machen. Euer Plan scheint mir bei allem Respekt sehr gewagt, aber ich bin sicher ihr wisst was ihr tut.“ Von Erkenklamm saß wieder auf sein Schlachtross auf. „Lasst das wirkliche Kriegshandwerk nur unsere Sorge sein. Schaut zu und lernt.“ Mit diesen Worten wendete er sein Pferd und gab den Befehl zum Abrücken. Der alte Herzog hatte immer noch kaum eine Reaktion gezeigt und würdigte den Lagerkommandanten auch jetzt in keiner Weise. Der Tornumer Tross verließ das Lager und der Obrist gab den Befehl zum anrüsten.

Sechs Stunden später stand Gernot hinter dem Obristen und der Gräfin von Habsberg. Auf Grund seiner Erfahrung hatte er trotz seines fortgeschrittenen Alters einen Posten in der Eliterotte des Lagerkommandanten. Es hatte lange gedauert, bis die Gräfin eintraf und noch länger bis sich die Waraller Truppen versammelt hatten. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sie schneller bereit gewesen wären. Wer konnte das schon sagen? Vielleicht war der Plan der Tornumer nicht so absurd gewesen wie der Obrist angenommen hatte. Nun jedoch hatte sich alles anders entwickelt, als es sich die Männer und Frauen unter dem Bärenbanner vorgestellt hatten. Der Angriff der Tornumer über die hohen Leitern auf die Ostmauer hatte vor ungefähr zwei Stunden begonnen. Sie waren motiviert emporgestürmt und in der Tat gelang es ihnen die erste Abwehr des Feindes auf der Mauer zu zerschlagen. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinen Ablenkungsangriff auf das Haupttor und so sammelte sich sehr schnell eine stattliche Gruppe von Verteidigern, die nicht nur die Tornumer auf der Mauer zurückdrängte, sondern dazu auch noch begann mit Bögen und Armbrüsten auf die Angreifer zu feuern. Die tatsächlich sehr kampfstarken Tornumer lieferten ihnen einen guten Kampf, doch am Ende verloren sie die Mauer wieder und mussten sich unter schweren Verlusten zurückziehen. Die Gräfin wandte sich dem Obristen zu. „Sie hätten auf uns warten sollen. Nun zahlen sie den Preis für ihre Unvernunft und Ungeduld. Ein hoher Preis. Ich werde einen Boten zur Herzogin schicken. Sie sollte so schnell wie möglich informiert werden.“ Der Obrist schnaubte. „Wir waren nicht sehr schnell, aber wer hätte ahnen können, dass diese Holzköpfe ohne uns angreifen. Die werden uns die Schuld daran geben.“ Das Lächeln der Gräfin erschien Gernot mehr als unpassend und ließ ihn schaudern. „Wie könnten Sie nur darauf kommen? Wir haben uns doch so beeilt. Nicht wahr mein lieber Ferdinand?“ Ein Bote stürmte den kleinen Hügel empor auf dem die Waraller Befehlshaber Stellung bezogen hatten. „Euer Hoheit. Der Herzog von Tornum ist gefallen.“ Auf dem Hügel herrschte einen Moment lang betretenes Schweigen. Dann sprach die Gräfin. „Was ist passiert? Ein verirrter Pfeil? Der alte Mann wird ja wohl kam versucht haben die Mauern zu erklimmen.“ Der Bote schien verlegen. „Ich weiß nur, dass er neben seinem grasenden Pferd, mit dem Gesicht in einer Pfütze liegend gefunden wurde. Jegliche Widerbelebungsversuche sind gescheitert. Vermutlich altersbedingt.“ Die Gräfin winkte den Boten davon und wandte sich wieder dem Obristen Ferdinand zu. „Ein großer Verlust für Aklon. Wir haben hier nichts mehr verloren. Gebt den Befehl zum abrücken. Die Belagerung wird bis auf weiteres fortgesetzt.“

Diese Geschichte erzählen sich Soldaten, die bei der Schlacht dabei waren und wie es so ist mit Geschichten, so werden sie weiter erzählt. Gernot selbst hat sie nur zwei seiner besten Kameraden erzählt und diese haben versprochen nichts weiter zu erzählen...