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Konrads Entführung

Artikel im Tulderoner Herold
Verfasser ist der aklonische Korrespondent des Herold Georg Fertich.

 

Geehrte Mitbürger, liebe Freunde daheim,

als ich nach Aklonstadt aufbrach um hier für den Herold ein wenig der Stimmung des Königshofes einzufangen, hatte ich nicht im Entferntesten erwartet, was mir in den ersten Tagen meines Aufenthaltes widerfahren würde. Ich hatte gehofft die eine oder andere Liebelei oder gar Intrige aufdecken und vor das Augenlicht des einfachen Volkes zerren zu können. Vielleicht ja sogar ein persönliches Gespräch mit dem König oder einem seiner Kinder führen zu dürfen, welches dann im heimischen Tulderon viele der Fragen klären würde, die uns, zwischen Gilde und Zunft hin und her pendelnde Bürger Aklons, täglich quälen. Ein wirklicher Volltreffer wäre es gewesen, mehr über den Kriegsrat zu erfahren, welcher in den nächsten Monaten stattfinden soll. Nach meiner Ankunft wurde mir leider sehr schnell klar, dass ich nichts davon bekommen würde. Der König selbst schien sich seit dem Tode seiner Frau zurückgezogen zu haben und erschien bei kaum einer Audienz persönlich. Einmal erspähte ich ihn von einer Balustrade im Haupttempel Ultors aus, als er an einer Messe teilnahm. An ihn irgendwie heranzukommen war mir aber vollkommen unmöglich. Bei seinen Söhnen verlief es nicht viel anders. Der Thronfolger Prinz Ubald zeigte sich ebenfalls so gut wie nie in der Öffentlichkeit. Ein Page des Palastes witzelte er würde wohl zwischen Tanzstunden und künstlerischen Austausch mit irgendwelchen Poeten und Schöngeistern Aklons hin und her gleiten und hätte somit keine Zeit sich um sein Volk zu kümmern. Ich kann nur vermuten, was dieser Mann mir damit zu sagen versuchte. Leider konnte ich das Gespräch nicht vertiefen. Bei Prinz Konrad war es ein wenig anders. Vielleicht hätte ich ihn treffen können, aber man riet mir dringend davon ab, da er oftmals ein wenig roh und wie einige behaupten, sogar handgreiflich gegen Männer und Frauen meiner Zunft sein soll. Ich unterließ es also die Kasernen oder einschlägige Soldatenkneipen zu besuchen, in denen er sich zumeist aufhielt und nahm die einzige Chance wahr die sich mir bot. Prinzessin Elisabeth. Ich durfte mich ihr im Rahmen einer öffentlichen Audienz nähern und ihr einige Fragen stellen. Flankiert wurden wir dabei von mehreren hochrangigen Ultorianern und ich kann mich nicht erwehren, in ihr eine junge Königin Gudrun zu sehen. Die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend. Auch ihre Wortgewandtheit kann ich ihr leider nicht absprechen. Denn, wie es bei denen die das Licht der Öffentlichkeit gewohnt sind, nun einmal so ist, antwortete sie mir auf alle meine Fragen, ohne auch nur eine Einzige zu beantworten. Tja da stand ich nun. Von anmarschierenden stolzen Akloner Truppen, die sich sammeln um als Heer gegen einen Feind zu marschieren, von dem nur unser König weiß, gab es leider auch keine Spur. Einzig einige zerlumpte Gestalten, die ich eher auf einem ärmlichen Hof, als in einem Heer vermutet hätte, traf ich kurz vor Aklonstadt. Sie trugen Binden in Akloner Farben und waren angeblich das Lehensaufgebot eines nahe der Hauptstadt ansässigen Barons. Kurz bevor ich mich selbst, durch Frustration getrieben, in den Freitod durch übermäßigen Genuss von Wein und Schnaps saufen konnte, geschah es. Eine mir, durch einige Gefälligkeiten meinerseits, gewogene Zofe, einer eher zweitklassigen Adligen, die aber zumindest eine Unterkunft im Palast ihr Eigen nannte, stürmte in den Schanksaal der Gaststätte, in welcher ich untergekommen war. Zum Glück war ich noch nüchtern genug um ihre Aufregung und Unbedachtheit zu erkennen und zog sie sofort in eine etwas dunklere Ecke, um mir anzuhören was um alles in der Tull sie zu mir getrieben hatte. Denn genau so sah sie aus. Getrieben, gehetzt. Als wäre sie nicht mehr ganz bei Sinnen. Nun als Schreiber des führenden Blattes einer Großstadt wie Tulderon, habe ich gewisse Erfahrungswerte in Bezug auf die Verhaltensweisen von Menschen erlangen können, die mit Gewalttaten konfrontiert worden sind. Diese mehr oder weniger brave Frau, gehörte mit Sicherheit zu dieser Gruppe von Menschen. Meine Neugier war mehr als geweckt. Die Zofe berichtete mir, unter stammeln und aufgeregtem nach Luft schnappen, von einem Vorfall im Palast. Der König habe Besuch bekommen von drei Ultorianern. Sie hatte sich bereits gewundert, dass diese Männer von mehreren Wachen der königlichen Garde eskortiert worden waren, sich aber nicht wirklich etwas dabei gedacht. Dann hörte sie den König aufgeregt schreien. Zuerst dachte sie er würde jemanden beschimpfen, aber dann war es nur noch ein unartikuliertes, wildes, wie sie sagte, fast schon tierisches Brüllen. Schnell vermischte es sich mit dem Schreien anderer und Geräuschen, die ihr wie Kampflärm erschienen. Dann wurde es still. Sie stand ganz alleine auf dem Flur vor dem Arbeitszimmer des Königs und traute sich weder zu gehen, noch nachzusehen was geschehen war. Schließlich öffnete sich die Tür und man trug die drei Ultorianer, in ihre blutbeschmierten weißen Roben gehüllt, heraus. Des Weiteren wurde aufgeregt nach dem Leibmedicus des Königs gerufen, welcher sich umgehend einfand. In der Aufregung schien die Zofe von niemandem bemerkt worden zu sein und wem auch immer gedankt sei es, dass Sie sich entschloss direkt hier zu mir zu laufen. Sie hatte aber noch Weiteres zu berichten und ich kann dem geneigten Leser versprechen, es kommt noch doller. Noch während sie den Palast des Königs verließ, wurde eine größere Einheit der königlichen Garde zusammengestellt. Der König selbst kam mit einem Verband am Kopf, der einen Großteil seines Gesichtes verdeckte, auf den Burghof gestürmt und führte die Gruppe aus dem Palast in Richtung Speicherviertel. Nun hielt mich nichts mehr. Ich ließ die von meinem Verhalten vermutlich überrumpelte Zofe zurück und rannte so schnell ich konnte aus dem Gasthaus auf die Straße und in Richtung Speicherviertel. Ihr Schrecken in aller Ehren, aber nun hatte ich meiner Verpflichtung zur Informationsgewinnung allen Bürgern Tulderons gegenüber den Vorrang zu geben. Es war zum Glück nicht weit vom meiner Unterkunft, bis ich die ersten Lagerhallen ausmachen konnte. Der Lärm und die Schaulustigen, sowie Männer und Frauen der königlichen Garde, die mit gezogenen Schwertern Bürger davon abhielten sich einem der kleineren Speicher zu nähern, führten mich schnell zu meinem Ziel. Bedauerlicherweise ließen die Gardisten niemanden an den Eingang des Lagers heran und die Entschlossenheit in ihren Blicken ließ mich keinen Moment daran zweifeln, dass sie mich ohne zu zögern niederschlagen würden, sollte ich es doch versuchen. Doch diese Männer waren nur ein unzureichender Damm, für die Welle der Pressefreiheit auf der ich dort hineinreiten wollte. So umrundete ich das Nachbargebäude und erklomm an dessen Rückseite das Dach desselben. Lief geschwind darüber hinweg und sprang auf das Dach des Gebäudes in welchem ich den König und was auch immer vermutete. Nichts sollte mich aufhalten können. Doch leider war das Schicksal mehr als ungerecht zu mir. Ich rutschte bei der Landung auf dem Dach aus und stürzte die 3 Meter in die Tiefe. Ich weiß nicht, liebe Leser, wer von Ihnen bereits einmal drei Meter in die Tiefe gestürzt ist, aber ich kann Ihnen versichern, dass es keinen Spaß macht. Wie ich jetzt weiß, brach ich mir beide Beine, einen Arm und 8 Rippen. Der Rest meines Körpers hielt dem Aufprall aber zum Glück stand, ansonsten hätte mein Bericht hier geendet. Nur Kraft meines Willens und beseelt von dem Wunsch zu erfahren was sich dort drinnen abspielte blieb ich bei Bewusstsein. Gut war, dass ich direkt vor dem Eingang, im Rücken der königlichen Gardisten gelandet war. Schlecht war, dass diesen mein etwas unglücklicher Auftritt nicht entging. Einer von Ihnen drehte sich um, eilte auf mich zu und anstatt mir auf die Beine zu helfen oder sich um meine Verletzungen zu kümmern, trat er mir, mit seinen vorbildlich gepflegten Stiefeln, aus vollem Lauf an den Kopf. Nun half mir auch alle Willenskraft nicht weiter und mir schwanden die Sinne. Doch konnte ich einen Blick in den Speicher erhaschen, bevor mich die Schwärze vollkommen umschließen konnte. Ich sah viele Menschen am Boden liegen. Lagerarbeiter und Frauen die dort drinnen wohl Sortierarbeiten vorgenommen hatten. Königliche Gardisten, unverkennbar an ihren Wappenröcken. Andere Bewaffnete, die gekleidet waren wie Söldner. Ultorianer, deren strahlende Roben sich in dunkelrot gefärbt hatten. Der Boden des Speichers, mit dem ich mich ja nun auf Sichthöhe befand, sah aus wie ein schimmernder Teppich aus rotem Blut. Hier hatte ein Massaker stattgefunden. Mittendrin stand der König, umgeben von mehreren Gardisten. Prinz Konrad kniete auf dem Rücken eines Mannes und hatte etwas von hinten um den Hals des leblosen Körpers geschlungen, das für mich aussah wie eine Handfessel. Der Prinz sah furchtbar aus. Seine Kleidung hing in Fetzen und in seinen Augen sah ich pure Mordlust. Der Mann auf dem er kniete ließ durch seine ungesunde Gesichtsfarbe und die unnatürlich lang wirkende Zunge, die ihm aus dem Mund gequollen war, keinen Zweifel daran, diese Welt bereits verlassen zu haben. Neben diesen Eindrücken traf mich leider ein weiterer Tritt an den Kopf und ich erwachte in einer Zelle der Stadtwache.

Man hielt mich dort mehrere Tage fest, schiente aber wenigstens meine gebrochenen Gliedmaßen und versorgte meine Wunden. Dank an dieser Stelle an die braven Suavitischen Schwestern, die sich gegen die offensichtliche Unfreundlichkeit meiner Kerkerwachen durchsetzten und mir die Hilfe ihrer mitfühlenden Hände zukommen ließen. Mehrere Beamte des Königs verhörten mich über eine Woche lang immer wieder. Was ich dort getan hätte, wieso ich dort gelegen hätte, was ich gesehen habe und ob ich wüsste was dort geschehen sei. Nun was soll ich sagen. Ich glaube an die unbedingte Gerechtigkeit, die denen widerfährt, die immer bei der Wahrheit bleiben. Deshalb habe ich gelogen, dass sich die Balken biegen. Hatte ich erwähnt, dass ich ein ausgesprochen guter Lügner bin? Nein? Nun, das bin ich aber zum Glück. Denn ich bin mir sicher, ich hätte diesen Kerker nie wieder verlassen, wenn man erfahren hätte, was ich wirklich gesehen habe. Absolut erstaunlich für mich war, dass ich selbst nach erzwungener Einnahme einer mir nicht bekannten Flüssigkeit, die angeblich dafür sorgen sollte, dass ich nicht umhin käme die Wahrheit zu sprechen, ohne die geringsten Probleme bei meiner etwas abgewandelten Geschichte bleiben konnte. Fragen Sie nicht warum. Ich habe mir selbst bereits tagelang den Kopf darüber zerbrochen. Nun bin ich wieder frei und auf den Straßen Aklonstadts unterwegs, um weiter auf die Dinge zu stoßen, die Sie, geneigte Leser, nicht erfahren sollten.

Ich schreibe, Sie lesen.

Ihr Georg Fertich